Wie die neue CSS-Chefin die Gesundheitskosten unter Kontrolle kriegen will

Zum Beispiel mit einem Vetorecht bei den Medikamentenpreisen. Oder mit einer neuen Rolle für die Kantone. Philomena Colatrella kündigte auch die Idee eines Prämienrabatts für gesunde Ernährung.

, 22. Mai 2016, 09:57
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Das erste grosse Interview seit ihrer Ernennung wurde zur Auslegeordnung von Kosten-Schritten: Philomena Colatrella, die designierte Chefin der grössten Grundversicherung CSS, skizziert in der «Sonntagszeitung» die für sie wichtigsten Schritte, um das Kostenwachstum im Gesundheitsbereich halbwegs zu dämpfen. Es gebe eben auch Ineffizienzen im System, und: «Wir als führender Krankenversicherer wollen eine Rolle spielen, diese zu beseitigen, um die Kosten zu beeinflussen.»
Ihre erste Forderung: Der Bund solle die Medikamente jährlich überprüfen statt nur alle drei Jahre. «Heute müssen die Krankenversicherer viele Medikamente vergüten, die nicht mehr wirtschaftlich sind. Laufend kommen neue Medikamente auf die Liste, aber die alten fallen nicht weg.»

«Eine wirkliche Überprüfung findet nicht statt»

Grundsätzlich äusserte Colatrella klare Kritik an der Art, wie die medizinischen Leistungen und Preise überprüft werden – nämlich gar nicht: «Eine wirkliche Überprüfung der Leistungen und der Preise findet heute nicht statt. Die zuständige Kommission führt keine Überprüfung durch, die ökonomisch haltbar ist.» 
Auch die Schweiz müsse für alle Leistungen, die von der Grundversicherung bezahlt werden, wissenschaftliche Wirksamkeitstests durchführen: «Die USA machen das schon seit Jahren.»

«Diese ungleichen Spiesse sind absurd»

Als weitere Forderung nennt Colatrella ein Vetorecht bei der Festsetzung der Preise für Medikamente: «Heute haben die Krankenversicherer keine Möglichkeit, zu intervenieren, wenn ein unwirtschaftliches oder unwirksames Medikament auf die Liste der Grundversicherung kommt. Die Pharmahersteller hingegen können Beschwerde einreichen, wenn sie mit der Preisgestaltung nicht einverstanden sind. Diese ungleichen Spiesse sind absurd, denn schliesslich tragen wir die Kosten.»
Und schliesslich wendet sich Colatrella gegen die Doppelrolle der Kantone als Finanzierer und Planer zugleich: Hier brauche es einen neuen Ansatz «Heute zahlen die Kantone die Investitionskosten, mindestens die Hälfte der Betriebskosten und die Defizite der öffentlichen Spitäler. Die Krankenversicherer übernehmen die Hälfte der Betriebskosten in der allgemeinen Abteilung. Beides zusammen führt zu Kostenverzerrungen und zu Überkapazitäten, weil die Kantone aus politischen Gründen keine Spitäler schliessen wollen.»

Geld-zurück-Garantie gut

Positiv äusserte sich die designierte CSS-CEO zu den Plänen einer Geld-zurück-Garantie für den Fall, dass Medikamente nicht wirken – Pläne, die bekanntlich von Roche wie Novartis verfolgt werden. Dies sei ein guter Ansatz, und man sei hier auch in aktivem Austausch mit der Pharmaindustrie. «Wir wollen damit verhindern, dass sich nur noch eine gewisse Schicht der Bevölkerung teure Medikamente leisten kann. Eine solche Zweiklassenmedizin müssen wir verhindern.»

10’000-Schritte-Rabatt:

Belohnungsmodell kommt im Sommer definitiv

Wer körperlich aktiv ist, wird bei der Krankenkassenprämie belohnt: CSS testet seit knapp vergangenem Sommer solch ein Modell: 2000 Kunden beteiligten sich an einem Versuch, bei dem sie einen Fitnesstracker erhielten, der ihre täglich gelaufenen Schritte zählt und der Kasse übermittelt. Wer täglich 10'000 Schritte geht, erhält einen Rabatt von 12 Franken.
Dies komme bei den Kunden offensichtlich gut an, so Philomena Colatrella in der «Sonntagszeitung»: «Wir werden das Produkt im Sommer definitiv einführen, mit einem etwas veränderten Belohnungsmodell. Wir haben rund eine Million Zusatzversicherte. Wir wollen möglichst viele dafür gewinnen.»
Das Angebot werde dann auch auf weitere Bewegungsarten ausgeweitet, etwa Velofahren und Schwimmen. «Wir können uns auch vorstellen, ein Rabattangebot für Kunden einzuführen, die sich nachweislich gesund ernähren.»
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