Weshalb Ärzte so selten Firmen gründen

Gesundheits-Themen bieten momentan gewaltige Business-Chancen. Doch fast nur fachfremde Unternehmer rollen das Feld auf. Muss das sein?

, 29. Juli 2015 um 09:30
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Natürlich sind abertausende Ärzte Unternehmer – sogar sehr erfolgreiche Unternehmer: Wer eine Einzelpraxis mit mehreren Angestellten oder gar eine Gruppenpraxis führt, beweist sich auch als Management-Könner. Und manche Mediziner werden als Klinik-Gründer sogar fast so etwas wie Grossunternehmer. 
Dennoch: In der Gilde der Startup-Stars und Konzern-Konstrukteure sind die Ärzte rar gesät. Selbst in Fachnähe ragen andere Berufsgruppen heraus, ob ein Bauingenieur wie Hansjörg Wyss (Synthes) oder ein Laborant wie Willy Michel (Ypsomed). Actelion-Gründer Jean-Paul Clozel, ein Kardiologe, ist da ein bereits ein medizinischer Farbtupfer.
Ähnliches liesse sich übrigens vom Grosskonzern-Topmanagement sagen, wo der ehemalige Novartis-Chef Dr. Vasella ein rarer Vertreter der Ärzteschaft war.

Wollen Sie wirklich hoch pokern?

Aber vielleicht hat das seinen guten Grund. Zu diesem Schluss kam jedenfalls Arlen Meyers, und der muss es wissen: Meyers ist erstens Arzt, wohnhaft in Denver, und zweitens Präsident der Society of Physician Entrepreneurs. Das Ärzte-Unternehmer-Netzwerk, gegründet 2011, hat inzwischen Ableger in 16 Ländern.
In einem Artikel veröffentlichte Meyers unlängst seine Erfahrungen beziehungsweise das ernüchternde Fazit, dass viele Ärzte besser die Finger lassen sollten vom Unternehmertum.
Aus diversen Gründen. Meyers zählte insgesamt zehn Punkte auf, weshalb Mediziner tendenziell die Eignung abgeht für eine Firmengründung:

  • Den meisten Ärzten fehlt die unternehmerische Mentalität und Denkweise.
  • Ärzte sind risikoavers – ja sie sind geradezu darin ausgebildet, Risiken zu meiden. Unternehmer indessen müssen überdurchschnittlich bereit sein, hoch zu pokern.
  • Ärzte wollen eher Probleme lösen als Probleme aufzustöbern.
  • Ärzte neigen dazu, eindimensional zu sein: Viele sind ungern bereit, ihr Netzwerk über einen gewissen engeren Kreis hinaus zu erweitern.
  • Die akademische Kultur, in der fast alle Ärzte geschult wurden und wo viele weiterarbeiten, ist eher unternehmens-skeptisch und betrachtet Geld eher als «schmutzig». 
  • Die Ethik der Medizin steht in vielen Punkten im Konflikt mit der Business-Ethik.
  • Die meisten Ärzte sind eher unabhängige Geister als Teamplayer. Auch wenn sich hier langsam allerhand ändert.
  • Der Typus des Allwissenden, der wenig interessiert ist an den Ideen anderer, sei in der Ärzteschaft doch noch sehr verbreitet.
  • Ärzte investieren viel Zeit, Geld und Kraft darauf, Ärzte zu werden. Ökonomisch gesprochen heisst das: Die Opportunitätskosten des Ausstiegs aus der klinischen Medizin sind hoch – und entsprechend hoch wären also auch die Opportunitätskosten eines unternehmerischen Wagnisses.
  • Die gesellschaftlichen Kosten für den Verlust eines praktizierenden Arztes sind hoch – gerade in diesen Zeiten des Ärztemangels.

Ergänzend liesse sich hinzufügen, dass die respektablen Gehälter, die man in einer medizinischen Laufbahn mit hoher Wahrscheinlichkeit erzielen kann, ebenfalls dazu beitragen dürften, Ärzte im Job zu halten (respektive die Opportunitätskosten eines Ausstiegs zu erhöhen).
Die interessante Frage wäre natürlich, ob dies so bleibt: Die rasant wachsenden E-Health-, Wearables- und Biotech-Märkte bieten enorme Chancen, und diese Chancen werden bislang vor allem von medizin-fremden Unternehmern ausgenützt. So ist es geradezu stossend, dass fast alle Health-Apps ohne ärztliche Kompetenz in der Entwicklerfirma auf den Markt gebracht werden.

«Gesundheits-Apps ohne Mediziner: Was läuft da schief?»

Auf der anderen Seite sind die Möglichkeiten einer eigenen Firma grösser denn je. Gerade im Internet-Zeitalter lassen sich Unternehmen einfach gründen und entwickeln. «Das Potential, reich zu werden, indem man Gutes tut, ist so gross wie nie», formuliert Meyers. 
Aber gerade im Feld von Medizin und Pflege sind gescheiterte Firmengründungen die Norm. Und wenn man ein anderer Menschentyp ist als ein Steve Jobs, Marc Zuckerberg oder Andy Rihs, muss man bereit sein, einen hohen Preis zu bezahlen.
Arlen Meyers überschreibt denn auch seinen Beitrag mit einer klaren Botschaft: «Werfen Sie Ihren weissen Kittel nicht weg.»


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