Wenn Kleider den Arzt ersetzen

Medizintextilien sind in der Lage, Körperfunktionen von Patienten zu messen und zu überwachen - oder sogar Medikamente zu verabreichen. Damit nehmen die High-Tech-Fasern Ärzten und Pflegepersonal vermehrt Arbeit ab.

, 17. Juli 2015, 07:31
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Ein T-Shirt, das Herztöne und Atemfrequenz misst, ein Wundverband, der Medikamente abgibt, Bettwäsche, die das Schnarchverhalten misst: In Textilien integrierte Sensoren bieten völlig neue Möglichkeiten für Diagnose und Therapie. Sie erfassen Vitalwerte des Patienten und senden diese laufend an den behandelnden Arzt, das Spital oder ein Notfallzentrum weiter. Die gesammelten Daten liefern auch wertvolle Informationen über die Wirkung von Medikamenten, die in personalisierte Gesundheitspläne einfliessen können.
Dies ermöglicht es Patienten, ein eigenständiges Leben ohne ständige Arzttermine führen zu können. Und sie hätten das Zeug, überfüllte Krankenhäuser und Arztpraxen zu entlasten. 

Gesunde Stoffe werden alltagstauglich

Elektronische Sensoren werden in der Gesundheitsbranche schon lange verwendet. So etwa im Sport, um Herz- und Atemfrequenz zu messen. Der Nachteil ist, dass sie extra angebracht werden müssen und darum aus praktischen und ästhetischen Gründen für den täglichen Gebrauch weniger geeignet sind. Indem die Sensoren in die Textilien integriert werden, taugen sie auch für den Alltag.
Englischen Forschern ist nun gemäss der Zeitung The Guardian ein entscheidender Durchbruch gelungen. Bis anhin mussten die elektrischen Schaltkreise in die Gewebe eingewoben werden, was deren Weichheit und Flexibilität beeinträchtigte. Ein neues, vom National Physical Laboratory und der Coventry University entwickeltes Verfahren besteht darin, dass die Leiter und Mikrosensoren auf die einzelnen Garnfasern gedruckt werden. 
Der Vorteil davon ist, dass die Textilien weich bleiben und sie gut gewaschen werden können. Die Applikation erlaubt es, die Sensorflächen exakt an der Stelle zu positionieren, wo die Überwachungsfunktion gebraucht wird. Sie wurde bereits erfolgreich eingesetzt auf einer Vielzahl von Textilien wie Baumwolle, Polyester und Leinen, wobei Baumwolle die besten Resultate zeigte. 

Innovative Schweizer Firmen

«Textile Lösungen sind in der Medizin von zukunftsweisender Bedeutung», heisst es auch beim Schweizerischen Textilverband Swisstextiles. Schweizer Firmen wie Schoeller oder Forster Rohner sind an vorderster Front dabei. Hier einige Beispiele von Stoffen mit medizinischem Nutzen:

  • Die Firma Forster Rohner Textile Innovations hat zusammen mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa einen textilbasierten EKG-Gurt entwickelt. Mit diesem Gurt ist es möglich, über mehrere Tage hinweg mit und ohne Bewegung die Herzfrequenz des Trägers störungsfrei zu messen. Das Besondere daran: Der Gurt hält sich selber feucht, was für die Signalerfassung unerlässlich ist. 
  • Mit iLoad hat Schöller Textil eine textile Trägerschicht entwickelt, die pflegende oder medizinische Substanzen aufnehmen und dosiert wieder abgeben kann. Die Abgabe von Medikamenten ist möglich. 
  • Die neuseeländische Firma Footfalls and Heartbeats hat Kompressionsbandagen gegen chronische Venenleiden wie Wassereinlagerungen oder Lymphstau entwickelt. Sie sind individuell an den Patienten angepasst, messen permanent den Druck und allfällige Schwellungen und geben an, ob die Bandage zu eng oder zu locker sitzt. 
  • Im Rahmen eines EU-Projekts entwickelten Forscher gemeinsam mit dem Elektronikkonzern Philips ein LED-Kissen mit speziellem Blaulicht gegen Schulterverspannungen. 
  • Von Wissenschaftlern der Universität Ruhr kommt ein sensorbestückter Handschuh für Schlaganfallpatienten, der mit Hilfe von schwachen Stromimpulsen die Motorik wieder herstellt.
  • Ein Babybody überwacht bei kleinen Kindern die Herzfunktion, Atmung und Temperatur und löst gegebenenfalls Alarm aus, um dem plötzlichen Kindstod entgegen zu wirken. Er wurde vom Institut für Textil- und Verfahrenstechnik der Deutschen Institut für Textil- und Faserforschung Denkendorf entwickelt. 


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