Wenn Kardiologinnen schwanger werden

Warum gibt es in Kardiologie und Herzchirurgie so wenige Frauen? Ein Survey dazu bietet erstaunliche Resultate. Zum Beispiel, dass fast jede zweite Herz-Spezialistin eine Schwangerschafts-Komplikation erleben musste.

, 6. Januar 2017, 08:25
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Die Ausgangslage war offensichtlich: Frauen sind in der Kardiologie und in der Herzchirurgie stark untervertreten. Der naheliegende Verdacht ist dabei, dass diese Fachgebiete offenbar besonders stark in Konflikt geraten mit der Familienplanung.
Nur: Was heisst denn das konkret? Dieser Frage ging jetzt eine Arbeitsgruppe des American College of Cardiology nach. Sechs Vertreterinnen der Fachgesellschaft starteten eine Umfrage dazu – und zwar eine Erhebung, die sich sehr konkret auf die Kinderfrage konzentrierte.
Denn gewisse Basiserfahrungen waren bereits vorhanden: 2015 hatte der US-Verband der Kardiologen einen Survey durchgeführt, der besagte,
  • dass Kardiologinnen eher seltener verheiratet sind als Kardiologen (74 zu 89 Prozent),
  • dass sie seltener Kinder haben (72 zu 86 Prozent)
  • und dass sie seltener einen Partner haben, der sich hauptamtlich um die Kinder kümmert (15 zu 57 Prozent).
  • Auch war hier die Quote jener höher, die ihre Ausbildung mindestens einmal für länger als einen Monat unterbrechen mussten (44 zu 15 Prozent).
Ähnliche Verhältnisse wurden auch schon bei europäischen Kardiologen festgemacht.
Aber liegt hier der eigentliche Grund für die Entfremdung zwischen Kardiologie und dem weiblichen Geschlecht? Das US-Team, geleitet von Amy D. Sarma vom Massachusetts General Hospital, ging nun dem Sonderaspekt der Schwangerschaft nach – und den Monaten danach. Wie lässt sich das Herz-Feld damit vereinbaren? 
Insgesamt 501 Herzchirurginnen und Kardiologinnen wurden dazu anonym befragt – zu Themen wie Familienplanung, Zeitpunkt der Schwangerschaften oder das Stillen.

Mehr künstliche Befruchtungen

Heraus kam, dass die meisten Herzspezialistinnen mindestens einmal in ihrer Karriere schwanger wurden, wobei dies am häufigsten ganz am Anfang der Karriere geschah. So weit, so normal. Ein erstes auffälliges Ergebnis war nun aber, dass satte 19 Prozent der befragten Ärztinnen ein Kind durch künstliche Befruchtung erhielten – eine Quote, die um ein Mehrfaches über dem Durchschnitt liegt.
Hier dürfte sich einerseits spiegeln, dass solche Methoden unter Medizinern bekannter und etablierter sein dürften. Aber wie Sarma et al. vorrechnen, ist dieser Anteil auch im Berufsvergleich überaus hoch. Eine klare Deutung bieten die Autorinnen nicht – ihre erste Vermutung lautet, dass der Anteil der Frauen, die eine Schwangerschaft aus Karrieregründen allzu sehr hinausschieben, bei den Kardiologinnen besonders hoch sein könnte.

Schwangerschafts-Komplikationen

Eher häufig waren unter Kardiologinnen auch Schwangerschafts-Komplikationen. So erlebten 12 Prozent eine Fehlgeburt und 14 Prozent eine Frühgeburt. Nimmt man andere Probleme wie Präeklampsie oder Schwangerschaftsdiabetes hinzu, so zeigt sich, dass fast die Hälfte eine Schwangerschaftskomplikation erlebte. Vergleiche mit anderen Fachgebieten sind schwierig, tendenziell scheinen die Quoten hier aber doch auch leicht erhöht sein.

Radiologie-Sorgen

Aus Sicht der Ärztinnen selber, so die Umfrage weiter, ist die Radiologie ein ernsthaftes Problem – jedenfalls im Hinblick auf eine Schwangerschaft. 47 Prozent berichteten, dass sie versuchten, eine Empfängnis in jenen Phasen zu vermeiden, wo sie erhöhter Bestrahlungsgefahr ausgesetzt sind.

Weniger Mutterschafts-Urlaub

Dass sich Kardiologie und Babies nicht ganz einfach verbinden lassen, zeigt ein weiteres Ergebnis: Die Studie stellte fest, dass die Herz-Medizinerinnen tendenziell nur einen sehr kurzen Mutterschaftsurlaub einziehen. Bei 15 Prozent waren es weniger als ein Monat, bei 33 Prozent erreichte die Aus-Zeit zwischen einem und zwei Monaten. Und 51 Prozent der befragten Frauen berichteten, dass sie einen gewissen Druck spürten, den Urlaub abzukürzen – «to take shorter leaves than available to them».
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Anteil der Kardiologinnen und Herzchirurginnen, die ihre Babies stillten (rot) vs. Wunsch, zu diesem Zeitpunkt zu stillen (blau) | Grafik/Quelle: Sarma et. al

Weniger Stillen

Kaum überraschend also, dass die befragen Ärztinnen ihre Babies tendenziell weniger stillten, als sie wollten. Fast alle taten es zwar zu Beginn (92 Prozent), aber nach sechs Monaten erreichte der Anteil der stillenden Kardiologinnen noch 46 Prozent. Eine frühere Umfrage unter Ärztinnen hatte eine Quote von 58 Prozent nach einem halben Jahr ergeben – also doch noch etwas mehr.
Und so sagten auch nur 32 Prozent der Kardiologinnen aus, dass sie keine Hindernisse fürs Stillen erfahren hatten; konkret genannt wurde Zeitmangel, keine Möglichkeiten fürs Abpumpen oder ein Mangel an passenden Pausen.
Kurz und gut: «Meine Karriere beeinflusste meine Familienplanung nicht» – diesem Satz stimmte nur jede zehnte der befragten Medizinerinnen zu (ganz gleich, ob sie Kinder hatten oder nicht). Wobei die Autorinnen daran erinnern, dass dieser Anteil laut einer jüngeren Umfrage unter weiblichen Ärztinnen allgemein deutlich höher war, nämlich bei 35 Prozent.
Das deutet an: Die Kardiologie ist in der Tat ein Fachgebiet, das sich besonders schwierig mit Kindern vereinbaren lässt.
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