WEF: Mit vereinten Kräften gegen Antibiotikaresistenzen

Resistente Keime gelten als grosse biologische Bedrohung. Am World Economic Forum (WEF) in Davos fordert die globale Pharmaindustrie in einer beispiellosen Aktion einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika.

, 21. Januar 2016, 21:00
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85 Pharmakonzerne, darunter die Schweizer Multis Novartis und Roche, sowie neun Industrieverbände aus 18 Ländern haben am World Economic Forum (WEF) in Davos die Regierungen aufgefordert, gemeinsam mit der Industrie gegen Antibiotikaresistenzen und deren Risiken vorzugehen. Das wachsende Problem erfordere Massnahmen von allen Akteuren der Gesundheitsbranche. 
Dazu haben sie sich zu einer Deklaration durchgerungen, die in ihrer Art beispiellos ist: Es ist das erste mal, das sich die Pharmaindustrie praktisch integral auf eine Erklärung einigt. 

Neue Anreizsysteme

In der Deklaration appellieren die Unterzeichner an die Regierungen, mit ihnen an neuen Strukturen zu arbeiten, die den Antibiotika-Markt für Unternehmen verlässlicher und nachhaltiger machen. Gefordert werden namentlich: 

  • Anstrengungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit den vorhandenen Antibiotika. 
  • Den Einsatz von mehr Erregerdiagnostik, mit deren Hilfe das jeweils am besten geeignete Mittel ausgewählt werden kann. 
  • Unternehmen sollen Anreize erhalten, sich in diesem Gebiet mit Forschung und Entwicklung zu engagieren. 
  • Eine Änderung der Anreizsysteme im Gesundheitswesen und die Schaffung neuer Bezahlmodelle, bei denen die Einnahmen mit Antibiotika von ihrem Verschreibungsvolumen entkoppelt werden. 

10 Millionen zusätzliche Todesfälle

Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, werden gemäss Review on Antimicrobial Resistence bis 2050 rund 10 Millionen zusätzliche Todesfälle pro Jahr verursachen und die Gesundheitskosten um hunderte Milliarden Dollar in die Höhe treiben. Allein in den USA werden Antibiotikaresistenzen für 23'000 Todesfälle und zwei Millionen Krankheitsfälle verantwortlich gemacht. 

Übermässiger Antibiotikaeinsatz führt zu Resistenzen

Die Entwicklung von Antibiotika zählt zu den bedeutendsten Fortschritten der Medizin. Weil sie aber übermässig und teilweise unsachgemäss eingesetzt werden, sind immer mehr Bakterien gegen die Medikamente immun geworden. 
Kommt hinzu, dass Pharmaunternehmen ihre Investitionen auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten zurückgefahren haben. Andere Therapiegebiete wie Krebs scheinen lukrativer.  
Die Versäumnisse rächen sich nun - und haben angesichts der wachsenden Bedrohung zu einem Umdenken geführt. Die Unternehmen sagen zu, mehr in Forschung und Entwicklung neuer Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten zu investieren. Dies wird als starkes Signal gewertet. 

«Schritt vorwärts»

Laut Lord Jim O'Neill, Präsident der Review on Antibicrobial Resistence, ist die Deklaration der Industrie ein «bedeutender Schritt vorwärts, um eine Antwort auf die Herausforderungen der Resistenzen zu finden». Für Margaret Chan, Generaldirektorin der World Health Organization (WHO), ist die Deklaration der Beweis, dass die Herausforderungen nur gemeinsam auf globaler Ebene gelöst werden können. 
Die Deklaration soll alle zwei Jahre im Licht der internationalen Entwicklungen aktualisiert werden. 
(Bild: David McIntyre, Crossroads Foundation / Flickr CC)
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