These: Das Rauchen wird verschwinden. Einfach so. Und zwar bald.

Was wäre, wenn der Tabakkonsum einer normalen Lebenszyklus-Kurve folgt? Dann wäre er jetzt definitiv in der Endphase.

, 21. Juli 2017, 07:37
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Gestern kursierten wieder neue WHO-Daten, die ein trübes Bild zeichnen: Die Schweizer, so das Ergebnis, rauchen im internationalen Vergleich sehr viel. Jede vierte erwachsene Person wird als Raucher gezählt – international liegt die Quote bei einem Fünftel. 
Allerdings: Vor zwanzig Jahren, 1997, rauchte noch ein Drittel der Bevölkerung. Hier zeigt sich also, dass die Rauchstopp- und Aufklärungs-Massnahmen tatsächlich Wirkung zeigten.

Wachstum, Reife, Sättigung, Rückgang

Gut möglich aber, dass noch etwas anderes hineinspielt: ein Zyklus. Das Gesetz des Product Life Cycle. Der Verlauf ginge in diesem Fall etwa so: Bis ins späte 19. Jahrhundert war der Tabakkonsum ein Vergnügen für ganz wenige. Mit dem Ersten Weltkrieg breitete sich der Rauchbrauch aus und erreichte breitere Teile der Bevölkerung. Die industrielle Zigarette machte den Rauch dann zum Massenphänomen, wobei der Höhepunkt in den 1950ern und 1960ern war: Damals rauchte etwa die Hälfte der Erwachsenen in den Industriestaaten.
Mit zunehmendem Bewusstsein um die gesundheitlichen Gefahren senkte sich die Kurve wieder ab, es kam zu den bekannten Folgen: gesetzliche Einschränkungen, höhere Besteuerung, Präventionsaktionen, Passivrauch-Schutz… So dass heute in den USA, England oder Australien nur noch etwa 15 Prozent der erwachsenen Menschen Tabak konsumieren.


So weit, so bekannt. Eine Analyse in «The New Scientist» führt diese Kurve jetzt aber weiter und stellt die These in den Raum, dass sich das Problem vielleicht bald schon von selber löst, womöglich sogar mit zunehmendem Tempo. So wie – beispielsweise – der Konsum von Schnupftabak, die Verwendung von Büttenpapier oder der Besuch von Jazz-Konzerten von einem Massenphänomen zu einer Spezialität für Vereinzelte wurde, könnte dies bald auch beim Zigarrettenkonsum der Fall sein. Time is over.

Kein «Problem der öffentlichen Gesundheit» mehr

Wie die Autorin, Clare Wilson, auf ihre momentan noch steile These kommt? Sie erinnert sich zum Beispiel an die Erwartungen, welche die Public-Health-Experten zu Beginn der Tabakaufklärung hegten: Damals war man skeptisch, ob sich die Quote der Raucher je unter 25 Prozent drücken liesse; dieses Ziel wurde in den angelsächsischen Ländern inzwischen unterboten, mit ansehnlichem Tempo.
Damit stellt sich aber die Frage, wo denn die nächste Grenze sein könnte. Naheliegende Vermutung: Vielleicht gibt es sie gar nicht. Das Rauchen würde also einfach aussterben. Stanton Glantz, ein kalifornischer Mediziner und Tabak-Bekämpfer, erwartet inzwischen, dass Tabak «als Problem der öffentlichen Gesundheit von einer gewissen Bedeutung» verschwinden könnte.

Der Kreislauf nach unten

In anderen Worten: Raucher würden zu totalen Aussenseitern. Was dazu führt, dass es noch weniger gibt. Denn es wird noch weniger sozial akzeptiert, dass einer raucht – selbst unter freiem Himmel. Der «New Scientist»-Text zitiert dazu Studien, wonach die Rauchverbote am Arbeitsplatz nebenbei dazu führten, dass mehr Leute auch in den eigenen vier Wänden auf die Zigarette verzichteten.
Die ersten Länder haben inzwischen ihre gesundheitspolitischen Ziele angepasst: Neuseeland strebt danach, dass bis 2025 weniger als 5 Prozent der Erwachsenen rauchen – also in nur gut sieben Jahren. In Finnland soll dieses Ziel bis 2030 erreicht sein.
All das wirkt natürlich auf den ersten Blick wie ein banales Gedankenspiel: So what? Aber in der politischen Debatte und in der Gesetzgebung könnte diese Betrachtung schon für einen neuen Akzent sorgen. Denn wenn die Macht des Lebenszyklus tatsächlich spielt – den jeder BWL-Student kennenlernt und jeder Manager akzeptiert – , dann sind die ganzen Bemühungen, einheimische Tabakpflanzen oder Tabakfabriken zu schützen, ohnehin zwecklos. 
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