«Schlamperei»: Wallis stoppt E-Patientendossier

Das Projekt Infomed wird kurz vor der Einführung wegen Sicherheitsbedenken suspendiert. Die Warnung kam von der Piratenpartei.

, 1. September 2015, 08:33
image
  • wallis
  • e-health
  • patientenakte
  • datenschutz
  • praxis
  • seculabs
Der Walliser Datenschutzbeauftragte Sébastien Fanti hat dem Kanton Wallis empfohlen, die Einführung des elektronischen Patientendossiers auszusetzen. Grund dafür sind Sicherheitsbedenken. Daraufhin stoppte die Walliser Gesundheitsdirektorin Esther Waeber-Kalbermatten die ursprünglich für heute – 1. September 2015 – geplante Einführung. 
Das elektronische Patientendossier erfülle nicht alle Kriterien, um die Sicherheit der persönlichen Daten zu schützen, heisst es in einem Bericht der Zeitung «Le Temps». Das Projekt Infomed wird nun vom einem externen Auditor Dominique Vidal, Gründer von SecuLabs, geprüft. So lange bleibt die Einführung suspendiert. 

«Zum Teil schwerwiegende Sicherheitsprobleme»

Auslöser war eine Aktion der Piratenpartei: «Mit einfachen und öffentlich verfügbaren Mitteln», so gab die Organisation gestern bekannt, habe man «zum Teil schwerwiegende Sicherheitsprobleme in der Verschlüsselung der Webseiten (SSL/TLS) ausmachen» können – und zwar sowohl beim Walliser als auch beim Genfer Patienten-Dossier-System; dieses war bereits 2013 eingeführt worden. 
Guillaume Saouli, Co-Präsident der Piratenpartei Schweiz, spricht von einer «Schlamperei», welche die «Intimsphäre der Patienten in grosse Gefahr» bringe. Es sei «inakzeptabel, wenn eine völlig neue Plattform nicht einmal die aktuell zwingendsten Sicherheitsanforderungen erfüllt».

Wer kriegt welche Daten?

Das Walliser Dossier war erst am vergangenen Donnerstag der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Das Wallis präsentierte sich dabei als Vorreiter und nach Genf als zweiter Kanton der Schweiz, der das elektronische Patientendossier einführt. Die Behörden bezeichneten den Zugang bei der Präsentation als «äusserst sicher».
Vorgesehen ist, dass die Patienten selber entscheiden, welchen Ärzten und Spitälern sie Zugriff auf ihr Dossier geben möchten: Untersuchungsergebnisse, Medikamenteneinnahme, Austrittsschreiben des Spitals – solche Daten werden auf Infomed versammelt und können von den betreuenden Ärzten, Spitälern und Gesundheitsfachpersonen eingesehen werden.

Doppeluntersuchungen sollen vermieden werden

Das elektronische Patientendossiers soll helfen, medizinische Fehler zu minimieren und Doppeluntersuchungen und -verschreibungen auszumerzen.
Um sein elektronisches Dossier zu aktivieren, muss der Patient seine Zustimmung erteilen. Alle Patienten und Gesundheitsfachpersonen erhalten einen persönlichen Code, der ihnen den Zugang zur Plattform ermöglicht.
Als erstes sollten im Wallis die Ärzte mit eigener Praxis und die Spitäler an Infomed teilnehmen – mit Start am 1. September. In einem zweiten Schritt sollen andere Gesundheitsakteure integriert werden – etwa Pflegeheime, sozialmedizinische Zentren, Apotheken, Physiotherapeuten oder Laboratorien.
Die Beteiligung ist für Ärzte mit eigener Praxis, Apotheken oder Physiotherapeuten etc. freiwillig. Für vom Kanton subventionierten Einrichtungen und Institutionen wird die Teilnahme obligatorisch sein.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Bund prüft weitere Senkung der Labortarife

Nach der Senkung der Laborpreise arbeitet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) weiter an der Neutarifierung.

image

Gemeinde zweifelt an neuer Hausarztpraxis

Der finanzielle Anschub für eine neue Arztpraxis im Kanton Aargau gerät ins Stocken. Grund ist ein TV-Bericht im Schweizer Fernsehen.

image

E-Rezepte sind in Deutschland bisher ein Flop

Deutsche Ärzte wollen keine elektronischen Rezepte ausstellen. Deshalb rückt das Ziel, solche Rezepte bundesweit einzuführen, in weite Ferne.

image

Das Alter von Ärzten in der Schweiz ist jetzt öffentlich einsehbar

Neugierige Menschen möchten gelegentlich wissen, wie alt ihr Arbeitskollege eigentlich ist? Neu kann jedermann rasch und einfach den Jahrgang von Ärztinnen und Ärzten in Erfahrung bringen.

image

Akute Personalnot: Spital verschiebt Operationen

In der Westschweiz fehlen so viele Pflegefachleute und Ärzte, dass das Spital Wallis fünf Operationssäle geschlossen werden. Nicht dringende Eingriffe müssen warten.

image

Das Elektronische Patientendossier wird für alle kommen

Es herrscht breiter Konsens, dass bei der kommenden Revision der Gesetzgebung Elektronisches Patientendossier die Pflicht für ein Dossier eingeführt wird.

Vom gleichen Autor

image

Pflege: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viele Überstunden

Eine Umfrage des Pflegeberufsverbands SBK legt Schwachpunkte im Pflegealltag offen, die auch Risiken für die Patientensicherheit bergen.

image

Spital Frutigen: Personeller Aderlass in der Gynäkologie

Gleich zwei leitende Gynäkologen verlassen nach kurzer Zeit das Spital.

image

Spitalfinanzierung erhält gute Noten

Der Bundesrat zieht eine positive Bilanz der neuen Spitalfinanzierung. «Ein paar Schwachstellen» hat er dennoch ausgemacht.