SAMW: Wie sich Zahl und Verteilung der Ärzte besser steuern liesse

Die Akademie der Wissenschaften erarbeitete neue Vorschläge: 5 Massnahmen-Pakete, um Lücken beim Gesundheitspersonal zu vermeiden – von neuen Ausbildungs-Tracks und Versorgungsmodellen bis zu Krippenplätzen im Spital.

, 3. November 2016, 07:21
image
Hinter den Empfehlungen ist die Erkenntnis, dass es ineinander verzahnte Massnahmen braucht, um den immer wieder aufscheinenden Ärztemangel in der Schweiz anzugehen. Isolierte Eingriffe erzeugen kaum je die gewünschten Wirkungen, «sondern vor allem unerwünschte Nebenwirkungen», so die einleitenden Bemerkungen des neuen Positionspapiers. 
Darin schlägt die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften eine Reihe von Massnahmen zur Steuerung der Anzahl und der Verteilung von Ärzten vor: Konzipieren eines kohärenten Anreizsystems, Schaffen einer Datengrundlage, Aufbau eines wirksamen, überkantonalen Steuerungssystems, Differenzierung der ärztlichen Aus- und Weiterbildung und Unterstützung neuer Versorgungsmodelle – dies die Schwerpunktbereiche darin.
Erarbeitet wurde das Papier von einem zehnköpfigen Team, geleitet von Urs Brügger von der ZHAW Winterthur.

Hohe Priorität: Ein kohärentes Anreizsystem

Vor allem die Tarifsysteme führen laut den SAMW-Analytikern zur Fehlverteilung ärztlicher Ressourcen. Konkret wünschen die Autoren eine Revision des Tarmed, und dabei insbesondere eine Reduktion bestimmter spezialärztlicher Tarife bei Aufwertung der Grundversorger-Leistungen (Allgemeinmedizin, Psychiatrie, Pädiatrie).
Genannt werden auch Return-of-service-Programme für ländliche Gegenden und Performance-abhängige Vergütungsmodelle.

Hohe bis mittlere Priorität: Datengrundlagen

Die Personalentwicklung sollte kontinuierlich im Sinne eines lernenden Systems beobachtet werden, insbesondere auch für kurze Zeiträume. Die SAMW schlägt vor, dass die Erarbeitung eines Berechnungsmodells zum ärztlichen Bedarf vorangetrieben wird.
Zugleich sprechen sich die Autoren für eine Verfeinerung aus: Die von der Obsan jetzt schon veröffentlichten Berichte zur Personalsituation in einzelnen Berufen oder Berufsgruppen sollen stärker mit einem patientenzentrierten und teambasierten Ansatz aufbereitet fragen – also entlang der Frage, wer für und mit Patienten Aufgaben übernimmt.
Oder anders: Es geht dann weniger um die Entwicklung aus Sicht der Berufe, sondern um die Entwicklung aus Sicht der Nutzer.

Hohe bis mittlere Priorität: Aufbau eines überkantonalen Steuerungssystems

Das heisst etwa: Bund und Kantone gründen ein Steuerungsgremium. Dieses soll ein Steuerungssystem entwerfen, die Datenverarbeitung sicherstellen und den für den Ärztenachwuchs verantwortlichen Stellen Empfehlungen abgeben. Falls notwendig, entwirft das Gremium auch gesetzgeberische Vorschläge und fördert die Entwicklung von Steuerungsregionen.
Zudem: Die hierbei angestrebten überkantonalen Versorgungsregionen sollen auch für eine bessere Abstimmung zwischen den Spitälern sorgen.

Hohe bis mittlere Prioriät: Differenzierung der Ärzteausbildung

Insbesondere die Masterstufe des Medizinstudiums sei für künftige Mediziner entscheidend: Rund die Hälfte der Ärzte fällt ihre (fachlichen) Karriereentscheide in dieser Phase des Studiums. «In diesem Zeitfenster entstehen wesentliche professionelle Prägungen, die sich stark auf die spätere Berufsausübung auswirken», so das Papier.
Der 100-Millionen-Ausbau neuer Medizinstudienplätze werde nur gelingen, wenn die Ausbildung stärker differenziert wird und der Interdisziplinarität schon im Studium mehr Gewicht beigemessen wird.
Der Arbeitsgruppe, die das Positionspapier erarbeitete, gehörten an: Urs Brügger, Winterthur (Leitung); Hermann Amstad, Bern; Peter Berchtold, Bern; Iren Bischofberger, Zürich; Peter Meier-Abt, Zürich; Arnaud Perrier, Genf; Martin Schwab, Zürich; Peter Suter, Presinge; Martin Täuber, Bern; Thomas Zeltner, Bern. 
Zudem: Die rein zahlenmässige Erhöhung von Ausbildungsplätzen sei zur Lösung von versorgungspolitischen Engpässen nicht ausreichend. Es braucht auch ein Engagement in der Weiterbildung – und ferner Massnahmen, um die «leaky pipeline» abzudichten und weniger Aussteiger zu provozieren.
Was heisst das konkret? Das SAMW-Papier spricht sich für spezifische Ausbildungstracks aus (zum Beispiel einen für angehende Forscher – oder andererseits einen für Grundversorger in ländlichen Gegenden). Ferner genannt werden Weiterbildungs-Curricula für Assistenzärzte oder eine ausreichende Zahl von Krippenplätzen bei den Spitälern.

Hohe bis mittlere Priorität: Neue Versorgungsmodelle

Hier geht es darum, die Zusammenarbeit der medizinischen Berufsgruppen zu verbessern – zumal damit nebenbei auch die Attraktivität der Berufe gesteigert werden könnte. «In neuen Versorgungsmodellen müssen Arbeitsbedingungen herrschen, die zeitgemäss und attraktiv für die darin tätigen und für angehende Gesundheitsfachpersonen sind», so das Autorenteam.
Doch wie umsetzen? Innovative Versorgungsmodelle sollen in ihrer Startphase durch die Kantone finanziell unterstützt werden. Eine weiterer Schritt, der für die Entstehung neuer Versorgungsmodell entscheiden sei: Ärzteschaft und Spitäler sollten E-Health möglichst rasch umsetzen.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Bern und Tessin spannen bei der Humanmedizin zusammen

Ab 2023 können Tessiner Studierende in Bern einen Bachelorabschluss in Humanmedizin absolvieren.

image

Uni hat zu viele Zusagen fürs Medizinstudium erteilt

Bei der Goethe-Universität in Frankfurt ist es zu einer Panne gekommen: Die Uni muss nun Medizin-Studienplätze für das Wintersemester zurücknehmen.

image

Felix-Platter-Spital kürzt Arbeitszeiten für Mitarbeitende

Pflegekräfte im Schichtdienst arbeiten ab September 2,5 Stunden weniger pro Woche als bisher. Der Lohn bleibt sich gleich.

image

Nachwuchsforschung: Diese Ärzte erhalten Förderbeiträge

Im Rahmen des nationalen «MD-PhD-Programms» werden dieses Jahr 13 Forschungsprojekte unterstützt. Die Gesamthöhe der Beiträge: über 2.3 Millionen Franken.

image

Test für Medizinstudium soll analysiert werden

Der Kanton Freiburg überprüft die ärztliche Aufnahmeprüfung. Das Ziel: herausfinden, ob französischsprachige Kandidaten gegenüber deutschsprachigen benachteiligt werden.

image

Kanton muss Pflegestudium rasch unterstützen

Die Berner sind für einmal schneller als andere: Die Kantonsregierung investiert möglichst rasch Geld in die Pflegeausbildung. Andere Kantone wollen abwarten.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.