Placebo-Pillen wirken auch wissentlich eingenommen

Placebos wirken selbst dann, wenn Patienten wissen, dass es nur ein Scheinmedikament ist. Dies zeigt ein Experiment der Universität Harvard.

, 18. Oktober 2016, 09:16
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Auch eine wissentliche Einnahme von Placebo-Pillen kann Schmerzen lindern. Dies belegt jetzt Ted Kaptchuk von der Harvard Universität und seine Kollegen am Instituto Superior de Psicologia Aplicada (ISPA) in Lissabon. 
In einem Experiment mit rund 100 Probanden linderten klar gekennzeichnete Placebo-Pillen Rückenschmerzen. Und zwar um 30 Prozent – obwohl diese wussten, dass die Ärzte ihnen wirkungslose Pillen verabreichten. Zudem wurden sie über den Placebo-Effekt aufgeklärt. 
Bei der Vergleichsgruppe ohne Placebo waren die Effekte deutlich geringer: Trotz regelmässiger Schmerzmittel-Einnahme sank die mittlere Schmerzintensität bei den Teilnehmern lediglich um neun Prozent, wie in einer Medienmitteilung steht. 

«Gängige Ansichten auf den Kopf gestellt»

«Diese Ergebnisse stellen unser Verständnis des Placebo-Effekts komplett auf den Kopf», sagt Kaptchuk, der Leiter des Placebo-Programms am Beth Israel Deaconess Medical Center. «Die Studie demonstriert, dass der Placebo-Effekt nicht nur durch die bewusste Erwartung der Patienten ausgelöst wird, dass sie ein wirksames Medikament erhalten.»
Eine Pille im Kontext des Arzt-Patienten-Beziehung einzunehmen, sei ein Ritual, das die Symptome beeinflusse – weil es im Gehirn trotzdem die Regionen aktiviere, die für die Linderung sorgten, so Kaptchuk weiter.

Sinnvoll für chronische Schmerzen

Eine offene Placebo-Behandlung könnte demnach durchaus sinnvoll sein, um gerade chronische Schmerzen zu lindern. «Man wird damit keinen Tumor schrumpfen oder eine Arterie von Ablagerungen befreien», sagt Kaptchuk.
Aber überall dort, wo Beschwerden und Symptome stark von der Selbstwahrnehmung abhängen – bei Schmerzen, Erschöpfung, Depression oder Darmbeschwerden – könnte ihm zufolge ein Placebo helfen.
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