Pflegeheime: Jede zweite Fachperson denkt an Kündigung

Hauptgründe für die Fluchtgedanken sind der Führungsstil der Vorgesetzten und die mangelnde Identifikation mit dem Betrieb. Dies zeigt eine Studie der Universität Basel.

, 24. Oktober 2017, 08:00
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Alters- und Pflegeheime leiden unter einem Mangel an Fachkräften - ein Problem, das durch Fluktuationsraten von 20 Prozent und mehr verschärft wird.  
Dabei geht einer tatsächlichen Kündigung immer eine innere Kündigung voraus, in der unzufriedene Pflege- und Betreuungspersonen sich eine Kündigung vorstellen und beginnen, sich für eine neue Stelle umzuschauen. 
Für Arbeitgeber ist es von Vorteil, die Faktoren zu kennen, diese Kündigungsabsichten auslösen. So können sie frühzeitig eingreifen und die Mitarbeiterbindung erhöhen. 

3'984 Pflegende befragt

Eine Studie des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Basel kommt ihnen dabei nun zupass. Die Wissenschaftlerinnen haben Arbeitsplatzfaktoren, die zu Kündigungen führen, genauer untersucht. 
Die Analyse umfasst 3'984 Pflegende aus 156 Schweizer Pflegeheimen und wurde im «Journal of Applied Gerontology» veröffentlicht. Über alles gesehen hegen mehr als die Hälfte der Pflegenden Kündigungsabsichten. Zwischen den einzelnen Institutionen gibt es allerdings grosse Unterschiede. 
Clergia Gaudenz, Sabina De Geest, René Schwendimann, Franziska Zúñiga: «Zusammenhänge zwischen Arbeitsplatzfaktoren und der Absicht zu kündigen beim Pflege- und Betreuungspersonal in Pflegeheimen: Eine sekundäre Datenanalyse aus dem Swiss Nursing Homes Human Resources Project (SHURP)» - in: «Journal of Applied Gerontology», 2017
Hier die wichtigsten Ergebnisse im Überblick: 
  • 56 Prozent aller befragten Pflege- und Betreuungspersonen haben die Absicht zu kündigen.
  • In 2 Pflegeheimen hatte keine Fachperson die Absicht zu kündigen.
  • In 2 Pflegeheimen hatten alle Pflegenden die Absicht zu kündigen. 
  • In 11 Pflegeheimen hatten 80 Prozent oder mehr der Pflegepersonen die Absicht zu kündigen.
  • In 3 Pflegeheimen hatten 20 Prozent oder weniger die Absicht zu kündigen.
Die wichtigsten Gründe für die Kündigungsabsichten:
  • Fehlende Unterstützung durch die Führung
  • Mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte
  • Stress wegen Konflikten am Arbeitsplatz
  • Geringe Mitarbeiterbindung an die Institution
  • Emotionale Erschöpfung
  • Körperliche Gesundheitsprobleme.

Führung ist alles

Die Ergebnisse weisen auf einen direkten Zusammenhang zwischen der Kündigungsabsicht und dem Führungsstil der Vorgesetzten hin: Je mehr die Beschäftigten von den Vorgesetzten unterstützt und in Entscheide einbezogen werden, desto mehr identifizieren sie sich mit dem Betrieb und desto weniger neigen sie dazu, die Stelle aufzugeben. 
Interessant ist, dass Stress nur dann zu einer Kündigung führt, wenn er auf Konflikten oder mangelnder Wertschätzung beruht - auch dies zentrale Führungsaufgaben. Stress infolge von Arbeitsüberlastung oder komplexen Betreuungs- und Patientensituationen führt hingegen nicht zu mehr Abgängen. 

Teamwork funktioniert

Auch die Arbeitskollegen sind kaum ein Kündigungsgrund: 96 Prozent der Befragten gaben an, mit ihren Kollegen zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. Kollaboration und Teamwork wurden praktisch nicht als Ursachen für Kündigungsabsichten genannt. 
Die Autorinnen weisen darauf hin, dass sich die Ergebnisse mit Studien aus anderen Ländern decken. Auch dort zeigte sich, dass Beschäftigte eher im Betrieb bleiben, wenn sie sich von den Vorgesetzten wertgeschätzt fühlen und in Entscheide einbezogen werden. 
Hilfreich sei auch eine positive Fehlerkultur, bei der Fehler als Lernmöglichkeiten begriffen werden. Auch Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten dienten dazu, die Beschäftigten im Betrieb zu halten.

Positives Betriebsklima 

«Ein positives und attraktives Arbeitsumfeld mit unterstützender Führung sind wesentliche Faktoren, um die Mitarbeitenden zu binden», schreiben die Wissenschaftlerinnen. Handlungsbedarf gebe es bei der Förderung von Leadershipqualitäten für die Heimleiter. «Ziel sollte sein, ein positives Betriebsklima zu etablieren mit einer hochstehenden Pflege, Ausbildung und einem familienfreundlichen Angebot», so die Empfehlung.
Die Analyse basiert auf dem Schlussbericht zur Befragung des Pflege und Betreuungspersonals in Alters- und Pflegeinstitutionen der Schweiz (SHURP). Etwa die Hälfte der 3'984 Befragten arbeitete in mittelgrossen Heimen mit 50 bis 99 Betten. Das Durchschnittsalter lag bei 43 Jahren. Ein Viertel der Befragten verfügte über eine mindestens dreijährige Ausbildung. 
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