Pestizide: Diagnosen sind für Ärzte kein Kinderspiel

Pestizide können Morbus Parkinson auslösen, Krebs begünstigen und das Erbgut verändern. Die Schäden, die auftreten, sind in der Praxis aber schwierig zu erkennen.

, 1. Juni 2021 um 12:47
image
Am 13. Juni wird in der Schweiz unter anderem über die Trinkwasser- sowie über die Pestizidverbot-Initiative abgestimmt. Dass der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft schwerwiegende Gesundheitsschäden zur Folge haben kann, darüber herrscht in der Bevölkerung schon länger Unmut. Dies auch deshalb, weil immer mehr Studien zum Schluss kommen, dass Pestizide aus der Landwirtschaft, mit denen wir über Luft, Wasser und Lebensmitteln in Kontakt kommen, unserer Gesundheit schaden. 
Die Problematik: Die Schäden und Krank­heiten, die dabei auftreten können, sind in der Praxis nicht immer einfach zu ­erkennen, schreibt die Schweizer Ärztezeitung. Nachfolgend ein paar Fakten zu den meist neurotoxischen Pestiziden und deren möglichen negativen Auswirkungen auf den Körper:

Ständig neue Gift-Cocktails

Die sogenannten systemischen Pestizide werden über eine Saatgutbeschichtung in den Boden gebracht und verteilen sich in der ganzen Pflanze inklusive ihrer Früchte. Damit werden prophylaktisch alle Insekten erreicht. Sie lassen sich nicht von den Früchten abwaschen und reichern sich im Boden an. Die Krux: Insektizide, Herbizide oder Fungizide – längerfristig werden Schädliche und Unkräuter gegen diese Pestizide resistent. Dies führt dazu, dass es immer wieder zu neuen Gift-Cocktails kommt, die nicht staatlich überprüft werden.
Für die Überprüfung neuer Moleküle zuständig ist die Agrochemie – das Bundesamt für Landwirtschaft ist zugleich Anlaufstelle der Antragsteller und entscheidende Behörde. «Studienprotokolle und Entscheid der Behörde sind vertraulich», heisst es im Artikel. Ein Langzeitmonitoring wie bei Medikamenten sei für Pestizide nicht vorgesehen. Würden sich über die Jahre Studien von unabhängiger Seite häufen, die auf gravierende Schäden durch die Moleküle hinweisen, werde die Zulassung überprüft und gegebenenfalls entzogen.

Biologisch versus synthetisch

Die natürlichen Pestizide sind innert kürzester Zeit biologisch abbaubar und kumulieren nicht (ausser Kupfer). Anders verläuft es mit den synthetischen Pestiziden: Sie basieren auf chemischen Molekülen und sind nicht oder nur sehr langsam biologisch abbaubar, weshalb sie häufig auf der Liste der persistenten organischen Schadstoffe der Stockholmer Konvention landen. Dabei bilden die Organochlor- und Organophosphatpestizide eine grosse Gruppe und heissen seit den 90er Jahren die Neonikotinoide. 
image
Dauergifte können beim Embryo permanente physiologische Veränderungen verursachen. (Pixabay)

Mögliche Krankheiten durch Pestizide

Pestizide können neurotoxisch sein und Morbus Parkinson auslösen. Damit nicht genug: Sie stören die Zellteilung, begünstigen das Entstehen von Krebs, verändern das Erbgut, beeinträchtigen das Immunsystem und lösen Allergien aus. Ein weiteres Problem stellen hormonell wirksame und schwer abbaubare Chemikalien dar. Die EU listet über 50 Wirkstoffe auf, die das menschliche Hormonsystem beeinflussen. Unbestritten ist, dass nicht nur die Qualität menschlicher Spermien, sondern auch ihre Menge drastisch abgenommen hat.
Die Schweizer Ärztezeitung erklärt: «Es sind nicht nur Pestizide hormonaktiv, sondern auch chemische Stoffe wie Bisphenol A, Phthalate und polychlorierte Biphenyle (PCB). Diese Endokrinen Disruptoren verursachen beim Embryo permanente physiologische Veränderungen, die nicht ansteckende Erkrankungen verursachen. Epidemiologische Studien bringen sie in Verbindung mit Adipositas, Diabetes Typ 2 und kardiovaskulären Erkrankungen.»

Verseuchung nimmt zu

Solche Studien sind beängstigend. Vor allem im Hinblick darauf, dass die Verseuchung weltweit zunimmt und wir über die Luft, durch das Trinken von Wasser oder mit dem Verzehr von Lebensmitteln Gifte im Körper aufnehmen. Zurecht wird in der Ärztezeitung betont, dass diese Stoffe nichts in unserer Ernährung zu suchen haben. Sie gefährden nicht nur unsere Gesundheit; sie schädigen die Biodiversität und gefährden unsere Ökosysteme.

Initiative für sauberes Trinkwasser 

3,5 Milliarden Steuergelder werden pro Jahr in die Lebensmittelproduktion investiert. Dabei wird den Konsumenten eine ökologische Produktion versprochen. «Doch ungefragt, fördern wir eine Produktion, die auf Pestizide und Antibiotika setzt und auf hohe Nutztierbestände, die nur mit Importfutter ernährt werden können», heisst es im Video der Initianten. Die Folgen: «Pestizide in Gewässern, im Trinkwasser und im Essen, vergiftete Bienen und andere Insekten, Güllen-Überschüsse durch Importfutter und klimaschädigende Ammoniak-Emissionen, überdüngte Böden und Seen und lebensbedrohliche Antibiotikaresistenzen in Lebensmitteln.» Die Initiative fordert eine Umlenkung der Subventionen in eine pestizidfreie Produktion, in eine Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotika-Einsatz, in Betriebe, die nur so viele Tiere halten, wie sie mit Schweizer Futter ernähren können. Dabei sollen die Bauern mit Subventionen unterstütz werden. 

«Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide»

Die Initiative fordert den Verzicht auf synthetische Pestizide in der Nahrungsmittelproduktion, bei öffentlichen Plätzen und Privatpersonen mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren. Sie soll die inländische Landwirtschaft durch gleiche Regeln für Importe schützen. 
Zur Volksabstimmung vom 13. Juni geht es hier.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Auch mit Leseschwäche zum Medizinstudium

Ein wegweisendes Urteil: Wer unter Dyslexie leidet, soll im Eignungstest mehr Zeit für Prüfungsaufgaben erhalten.

image

Wie wäre es, keinen Arztbericht mehr schreiben zu müssen?

In Zukunft dürfte ChatGPT solche Aufgaben übernehmen. Laut einer Studie schreibt das KI-Programm den Arztbericht zehnmal schneller – und nicht schlechter.

image

Das verdienen Chefärzte und Leitende Ärzte am Kantonsspital Aarau

Die Gehälter der KSA-Kaderärzte sind in den letzten Jahren deutlich gesunken.

image
Gastbeitrag von Andri Silberschmidt

Gesundheitsinitiativen: Viele Risiken und Nebenwirkungen

Sie klingen verlockend. Aber die Prämien- und die Kostenbremse-Initiative fordern teure und gefährliche Experimente.

image

Thierry Carrel: «Für Kranke ist Hoffnung zentral»

Der Herzchirurg findet, neben dem Skalpell sei die Hoffnung eines seiner wichtigsten Instrumente.

image

Inselkonflikt: So äussert sich der Gesundheitsdirektor

Das nächste grosse Projekt sei es, die Stimmung am Inselspital zu verbessern, sagt der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg.

Vom gleichen Autor

image

Kinderspital verschärft seinen Ton in Sachen Rad-WM

Das Kinderspital ist grundsätzlich verhandlungsbereit. Gibt es keine Änderungen will der Stiftungsratspräsident den Rekurs weiterziehen. Damit droht der Rad-WM das Aus.

image

Das WEF rechnet mit Umwälzungen in einem Viertel aller Jobs

Innerhalb von fünf Jahren sollen 69 Millionen neue Jobs in den Bereichen Gesundheit, Medien oder Bildung entstehen – aber 83 Millionen sollen verschwinden.

image

Das Kantonsspital Obwalden soll eine Tochter der Luks Gruppe werden

Das Kantonsspital Obwalden und die Luks Gruppe streben einen Spitalverbund an. Mit einer Absichtserklärung wurden die Rahmenbedingungen für eine künftige Verbundlösung geschaffen.