«Null-Euro-Ärzte»: Neues Schaufenster für unabhängige Mediziner

Eine Datenbank will zeigen, welche Ärzte und Institutionen überhaupt kein Geld von der Pharmaindustrie erhalten. Jetzt startete das Projekt in Deutschland – in der Schweiz wird es in wenigen Wochen soweit sein.

, 1. Juni 2017 um 10:15
image
  • praxis
  • pharma
  • transparenzinitiative
Im letzten Sommer wurde die Transparenzinitiative konkret: Da veröffentlichten 59 Pharmafirmen in der Schweiz, welche Summen sie welchen Ärzten und Medizin-Institutionen 2015 überwiesen hatten – als Spesen, für Vorträge, als Spenden, für Forschungsaufträge, als Beratungshonorare et cetera.
Die Idee war, Glaubwürdigkeit zu schaffen und ein schärferes Bild einer allenfalls bestehenden Abhängigkeit zu bieten. Und heraus kam, dass die Pharmafirmen im Jahr 2015 rund 135 Millionen Franken ausbezahlt hatten

Transparent, aber nicht ganz

Noch etwas mehr Klarheit entstand, als die Zeitschrift «Beobachter» zusammen mit der deutschen Recherche-Plattform «Correctiv» all die Listen neu bündelte und veröffentlichte: Auf einer allgemein zugänglichen Datenbank kann man seither also Ärzte, Spitäler und Institutionen suchen – über den Namen, aber auch über Adresse oder Wohnort.
Ganz durchsichtig wurde die Sache damit aber nicht. Denn einerseits machten nicht alle Pharmafirmen mit (allerdings die meisten); und andererseits blieb es den empfangenden Ärzten und Institutionen freigestellt, ob ihre Zuwendungen publiziert werden. Und tatsächlich gab bloss eine Minderheit von etwa 30 Prozent ihr Einverständnis zur Veröffentlichung.

Wir wollen auch rein! 

Die offene Frage ist also bis heute, ob ein Arzt nicht in den Datensätzen auftaucht, weil er vielleicht besonders eng verhängt ist mit der Industrie und dies nicht an die grosse Glocke hängen will. Oder ob das Gegenteil gilt: Er taucht nicht auf, weil er gar nichts empfangen hat.
Und so gab es bei «Correctiv» in Deutschland eine bemerkenswerte Reaktion: Es meldeten sich viele Ärzte, die ebenfalls in der Transparenz-Datenbank erscheinen wollen – mit dem Eintrag: «Null Euro». Das heisst: Sie wollten öffentlich machen, dass sie kein Geld von den Konzernen annehmen.

400 Ärzte in zwei Tagen

Also startete die Recherche-Organisation vor drei Tagen das nächste Datenbank-Projekt: die «Null-Euro-Ärzte». Dort kann sich ab sofort eintragen lassen, wer im abgelaufenen Jahr keine Zuwendungen von Pharma- oder Medtech-Firmen erhalten hat, etwa als Forschungs-, Beratungs- oder Vortrags-Beiträge.
Und siehe da: Die Sache stösst wohl wirklich auf ein Bedürfnis. In den ersten 48 Stunden nach der Veröffentlichung des neuen Datenbank-Projekts trugen sich in Deutschland mehr als 400 «Null-Euro»-Ärztinnen und -Ärzte ein; dies gab «Correctiv» am Mittwoch bekannt.

Und jetzt die «Null-Franken-Ärzte»

Man kann das Projekt nun als Angebot verstehen – quasi als Schaufenster. Oder aber man empfindet es eher als Druckmittel – als eine Art Pranger mit umgekehrtem Vorzeichen. Am Ende wird wohl die Nutzung weisen, wie sich die Mediziner dazu stellen, aber auch weitere Leistungserbringer im Gesundheitswesen. Jedenfalls sollen sich in der «Null Euro»-Datenbank auch andere Institutionen wie Spitäler, Kliniken oder Verbände eintragen dürfen.
Und dies gilt auch für die Schweiz: Das Projekt wird im Verlauf des Juni hier ebenfalls starten. Wie schon bei der ersten Mediziner-Transparenz-Datenbank bietet der «Beobachter» die Plattform, auf der die «Null-Franken-Ärzte» gross gemacht werden sollen.
Artikel teilen

Loading

Comment

Mehr zum Thema

image

Bürokratie auf der Packung: Heilmittel-Firmen schlagen Alarm

Eine Allianz von Pharmafirmen wendet sich gegen die geplante Pflicht, individuelle Sicherheitsmerkmale auf Medikamentenpackungen zu setzen: Günstige Arzneimittel würden bedroht – obwohl es gar keinen Grund für die ganze Bürokratie gibt.

image

Weshalb die Apotheke neben dem neuen Spital Konkurs ging

Knall auf Fall fehlte der Apotheke Husmatt in Baden das Geld. Dabei hatte sie zuvor rund um die Uhr geöffnet.

image

Zwei Basler Apotheken bieten Gratis-Gespräche

Weil ein Gespräch heilsamer sein kann als ein Medikament, beteiligen sich nun auch Apotheken an den Basler «Plauderkassen».

image

Betrüger bewerben Abnehm-Medikamente mit Swissmedic-Logo

Die Heilmittel-Behörde muss sich gegen gefälschte Logos wehren. Illegale Anbieter verkaufen damit unnütze oder sogar gefährliche GLP-1-Präparate.

image

Medikamentenzulassung: Wirklich so optimistisch, wie Swissmedic behauptet?

Ein internationaler Vergleich zeigt erhebliche Unterschiede bei den Zulassungszeiten neuer Behandlungen. Während die Pharmaindustrie die langwierigen Verfahren kritisiert, hebt Swissmedic seine Fortschritte hervor.

image

USA stoppen Entwicklung von neuen mRNA-Impfstoffen

Als Grund für die Einstellung gibt das Gesundheitsministerium an: «Kein wirksamer Schutz». Betroffen sind Moderna, Pfizer, Astra-Zeneca und weitere Hersteller.

Vom gleichen Autor

image

Spital heilt, Oper glänzt – und beide kosten

Wir vergleichen das Kispi Zürich mit dem Opernhaus Zürich. Geht das? Durchaus. Denn beide haben dieselbe Aufgabe: zu funktionieren, wo Wirtschaftlichkeit an Grenzen stösst.

image

Überarztung: Wer rückfordern will, braucht Beweise

Das Bundesgericht greift in die WZW-Ermittlungsverfahren ein: Ein Grundsatzurteil dürfte die gängigen Prozesse umkrempeln.

image

Kantone haben die Hausaufgaben gemacht - aber es fehlt an der Finanzierung

Palliative Care löst nicht alle Probleme im Gesundheitswesen: … Palliative Care kann jedoch ein Hebel sein.