Neue Zahlen heizen Kritik an den Spezialärzten an

Nachdem der Bundesrat ihre Honorarsätze gekürzt hatte, behalfen sich Radiologen, Gastroenterologen oder Orthopäden offenbar kurzerhand mit Mengenausweitungen.

, 3. Januar 2016, 21:02
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«So tricksen Spezialärzte den Bundesrat aus»: Der Titel im jüngsten «Sonntagsblick» lässt ahnen, dass die Spezialisten im neuen Jahr öfters mal am Pranger stehen werden – als Kostentreiber. Nachdem der Nationalrat vor Weihnachten den so genannten Ärztestopp versenkt hat, befürchten jetzt viele, dass ab Sommer 2016 eine Zuwanderung von Spezialisten beginnt. Mit teuren Folgen für Prämien- und Steuerzahler.
Den Finger auf einen heiklen Punkt legte nun Jean-François Steiert: Im «Sonntagsblick» verwies der SP-Gesundheitspolitiker auf die Mengenausweitung der Spezialärzte. Die Tatsache, dass bestimmte Behandlungen einfach häufiger angeordnet werden, habe spürbare Auswirkungen auf Kosten und Prämien.

Zehn Prozent mehr innert eines Jahres?

Konkret: Laut BAG-Daten, die nun erstmals bekannt werden, ordneten die Spezialärzte zwischen Oktober 2014 und März 2015 bestimmte technische Leistungen über zehn Prozent häufiger an als im Jahr davor.
«Pro Jahr dürfte das zwischen 100 und 200 Millionen Franken ausmachen», schätzt Nationalrat Steiert.
Im Hintergrund steht, dass der Bundesrat im Sommer 2014 die Entschädigung der Haus- und Kinderärzte für die Grundkonsultation um rund neun Franken erhöhte. Um diesen Schritt kostenneutral zu gestalten, kürzte die Landesregierung die Tarmed-Sätze für gewisse Spezialisten-Angebote, etwa für eine Röntgenuntersuchung. Doch eben: In den sechs Monaten danach stiegen die Kosten in diesem Bereich trotzdem weiter, nämlich um 0,9 Prozent. 

Nichts da mit Kostenneutralität

Einzige logische Erklärung: Zwar waren die Sätze tiefer – aber dafür stieg das Volumen.
Im «Sonntagsblick» kritisiert Santésuisse-Direktorin Verena Nold denn auch die Reaktion der Spezialärzte: «Sie haben die Leistungskürzung mit einer generellen Mengenausweitung kompensiert. Das ist schlecht. Die Rechnung zahlen letztlich die Versicherten.»
Im Grunde ist die Kritik nicht ganz neu. Bereits im Sommer brachte der Krankenkassenverband Santésuisse ans Licht, dass in den Abrechnungen für ambulante Behandlungen die Position «Konsultation in Abwesenheit des Patienten» auffällig zugenommen hat. Dieser Tarifposten, der etwa für das Aktenstudium verwendet wird, werde insbesondere von Radiologen, Gastroenterologen, Orthopäden und Urologen massiv ausgeschöpft. 

«Diese Entwicklung muss gestoppt werden»

Der Hinweis auf diesen rätselhaften Papier-Posten wurde in den Medien damals durchaus prominent aufgegriffen: «Ärzte kassieren – auch wenn kein Patient da ist», titelte «20 Minuten». Und «Blick online» rief: «Weil Ärzte immer mehr Akten studieren: Krankenkassenprämien steigen schon wieder».
Die Stiftung für Konsumentenschutz formulierte den Verdacht in einem Communiqué direkt aus: «Der Rückschluss liegt nahe, dass die Spezialärzte so für ein zusätzliches Einkommen sorgen, wenn sie mit der Anzahl Konsultationen scheinbar zu wenig Einkommen erzielen. Diese Entwicklung muss unbedingt gestoppt werden.»

«Eine neue Spezialärzteflut»

Im Hintergrund steht dabei auch, dass die Gesundheitskosten im ambulanten Bereich in den letzten Jahren am steilsten nach oben gingen.
SP-Mann Jean-François Steiert nimmt die neuen Daten allerdings zum Anlass, nochmals den Nationalrats-Entscheid zum Zulassungsstopp zu kritisieren (und mithin die politischen Gegner): «Weil FDP und SVP in der Wintersession den Ärztestopp versenkt haben, droht der Schweiz ab Juni eine neue Spezialärzteflut.» Das Parlament müsse seinen Fehler korrigieren und den Zulassungsstopp verlängern, so Steiert im «Sonntagsblick». 
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