Nach umstrittener Impf-Analyse: Krankenkasse entlässt Chef

Die deutsche Krankenkasse BKK Provita hat sich von ihrem Vorstand getrennt. Dieser sagte, es gebe viel mehr Nebenwirkungen nach der Covid-Impfung als in der offiziellen Statistik auftauchen würden.

, 8. März 2022, 07:45
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«Die gemachten Aussagen [von Andreas Schöfbeck] spiegeln nicht den aktuellen Wissensstand und die Haltung der Kasse wider. Die BKK Provita wird die Vorgänge intern aufarbeiten und lehnt eine Vereinnahmung durch die sogenannte ‹Querdenker›-Bewegung deutlich ab.»
So nahm die deutsche Krankenkasse BKK Provita zur Trennung von ihrem bisherigen Vorstand Andreas Schöfbeck Stellung. Deutsche Medien haben vergangene Woche darüber berichtet.

Die Vorgeschichte

Rund eine Woche vor der fristlosen Kündigung von Schöfbeck war die Krankenkasse «massiv in die Kritik geraten», wie deutsche Medien berichteten. Der Grund: Der ehemalige Chef der Krankenkasse hatte eine umstrittene Analyse zu Nebenwirkungen nach der Covid-Impfung öffentlich gemacht. Er hatte Arztabrechnungen von knapp elf Millionen Versicherten ausgewertet und kam zum Schluss, dass es in Deutschland «eine sehr erhebliche Unterfassung von Verdachtsfällen für Impfnebenwirkungen» gebe. 
Schöfbeck wollte die Daten mit dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das die Verdachtsfälle offiziell auflistet, diskutieren und wandte sich deshalb mit einem Brief an das Institut. Die Schweizer Online-Zeitung «infosperber.ch» berichtete über den Brief.

«Schwurbel-BKK gibt falschen Alarm bei Impfnebenwirkungen»

Die BKK Provita distanzierte sich von den Aussagen Schöfbecks. So teilte die Krankenkasse mit, die zu Grunde liegende Datenerhebung, Interpretation und auch Veröffentlichung seien unabgestimmt erfolgt.
Insbesondere beim deutschen Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte (Virchowbund) sorgten die Aussagen des ehemaligen Krankenkassen-Chefs dafür, dass die Wogen hochgingen. Der Verband veröffentlichte im Februar eine Stellungnahme unter dem Titel «Schwurbel-BKK gibt falschen Alarm bei Impfnebenwirkungen»
Der Bundesvorsitzende des Virchowbunds schreibt: «Peinliches Unwissen oder hinterlistige Täuschungsabsicht – was davon den Vorstand der BKK Provita bewogen hat, vor angeblichen Alarmzahlen bei Impfkomplikationen zu warnen, weiss ich nicht. Die Schlussfolgerungen aus der Datenlage sind jedenfalls kompletter Unfug.» 
Er kritisiert vor allem, dass der Krankenkassen-Chef zwei völlig unterschiedliche Bereiche – die ärztliche Diagnose-Codierung mit ICD-Codes und die Meldung an das PEI – vermischen würde. Unerwünschte Nebenwirkungen würden auch erwartbare, milde und vorübergehende Folgen einer Impfung umfassen, die nicht an die Behörde gemeldet werden müssten, so das Argument.
Der Virchowbund-Vorsitzende setzte noch einen drauf: «Diese undifferenzierte Schwurbelei passt (…) ganz offensichtlich in das Marken-Image der Kasse, die mit Homöopathie und Osteopathie als Satzungsleistungen wirbt und sich selbst als ‹veggiefreundlichste Krankenkasse› tituliert.» Offenbar wolle man vor allem Werbung in der impfkritischen Klientel machen.

So reagierte die Krankenkasse 

Die BKK Provita schrieb darauf in einer Pressemitteilung, die ebenfalls im Februar erschienen ist, Folgendes: «Der Bundesvorsitzende des Virchowbunds hat sich zu keinem Zeitpunkt mit dem Vorstand der BKK Provita ins Benehmen gesetzt oder Einblick in die Datenauswertung verlangt.» Nur eine ernsthafte und sachorientierte Datenanalyse könne der Impfstoffsicherheit und somit der Gesundheit der Versicherten einen Nutzen bringen. «Polemische Äusserungen lehnen wir als ungeeignetes Mittel der Auseinandersetzung ab. Zuständig für die Klärung der Sicherheit der Impfstoffe ist allein das Paul-Ehrlich-Institut.»
Die deutsche Krankenkasse wertete insgesamt vier Diagnose-Codes aus. Hier gelangen Sie zu den Grafiken. 
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