Lieber verzichten: Intensivmediziner bringen 9er-Liste der unnötigen Massnahmen

In einer Umfrage der SGI gaben 25 Prozent der Intensivmediziner an, dass auch sie manchmal Schritte anordnen, an denen sie selber zweifeln.

, 5. März 2017, 09:58
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Die Gesellschaft für Intensivmedizin liess erheben, welche Massnahmen womöglich unnötig sind beziehungsweise allzu eilfertig eingesetzt werden. Dabei stiess die SGI-SSMI auf diverse Tests und Therapien, die in den Schweizer Intensivstationen verbreitet sind, aber kaum je Nutzen bringen.
Und so erarbeitete die Gesellschaft eine Liste von neun Massnahmen, die künftig vermieden werden sollen. Dies melden «Sonntagszeitung» und «Le Matin Dimanche»; offiziell soll die «Choosing Wisely»-Liste der Intensivmediziner in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.

«Kann schädlich sein»

«Es kommt vor, dass Ärzte Blutentnahmen und Laboruntersuchungen systematisch täglich anordnen», zitiert die SoZ Thierry Fumeaux von der SGI. «Dies ist oft sinnlos, weil es die Diagnose oder die Therapie nicht beeinflusst. Und es kann für Patienten schädlich sein.» Hauptamtlich leitete Fumeaux die Intensivstation des Spitals von Nyon.
Weitere Beispiele aus der angedachten 9er-Empfehlungsliste sind:
  • überflüssige Katheter, Sonden und Infusionen;
  • der Einsatz von Breitbandantibiotika;
  • oder Zusatzuntersuchungen, die für die Diagnose nicht wirklich bezweckt werden.
In der SGI-Umfrage beim medizinischen Kader von 94 Schweizer Intensivstationen gaben immerhin 25 Prozent der befragten Ärzte an, dass sie Zusatzuntersuchungen anordnen würden, auch wenn dies für den Patienten keinen direkten Nutzen habe. Und 15 Prozent sagten, dass sie nicht systematisch darauf achteten, keine unnötigen Katheter zu legen beziehungsweise nicht regelmässig später prüften, ob der Patient das noch brauche.
13er-Liste: Verbreitete Skepsis in der Ostschweiz
Der Kanton Luzern führt bekanntlich bald eine Liste von Behandlungen ein, die nur noch ambulant erbracht werden sollen. Die «Ostschweiz am Sonntag» erkundigte sich nun bei den Gesundheitsdirektoren der eigenen Region: Gibt es ähnliche Pläne?
Die Antworten waren, kurz gesagt, durchwegs negativ.
  • Appenzell Ausserrhoden: «Für Appenzell Ausserrhoden ist der von Luzern eingeschlagene Weg zurzeit keine Option», sagte Landammann Matthias Weishaupt. Zuerst müsse klar sein, ob die Kompetenz für eine solche Vorschrift nicht alleine dem Bund zustehe. Auch Innerrhoden will erst mal abwarten, ob die Luzerner Lösung rechtlich zulässig ist.
  • Appenzell Innerrhoden: «Als kleiner Kanton hätten wir ohnehin nicht die Ressourcen, eine solche Liste selbstständig zu erarbeiten und umzusetzen», sagte Antonia Fässler, die Gesundheitschefin von Appenzell Innerrhoden.
  • Thurgau: «Die Frage ist, ob es wirklich nötig ist, mit einer derart strikten Haltung wie in Luzern vorzugehen», sagte Jakob Stark, der zuständige Regierungsrat im Thurgau. Denn die Vorschrift, im Normalfall nur noch ambulant zu operieren, sei für die Spitäler nicht so einfach umzusetzen. «Die Frage ambulant oder stationär muss für jeden Patienten einzeln beantwortet werden.» Deshalb suche man im Thurgau eine Lösung gemeinsam mit den Spitälern.
  • St. Gallen: «Die Idee der Operationsliste ist interessant. Aber sie soll in enger Zusammenarbeit mit den Fachärztegesellschaften erstellt werden», sagte Heidi Hanselmann. Die Gesundheitsdirektorin von St. Gallen zeigte sich damit noch am offensten gegenüber der Luzerner Idee. Aber auch sie plädiert für eine nationale Lösung: «Es ist wenig zielführend, wenn jeder Kanton eine eigene Liste erstellt.» Alleingänge könnten etwa zu unerwünschten Patientenströmen zwischen den Kantonen führen.
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