«Liebe Patienten, es tut mir leid: Ich hatte nichts begriffen»

Eine Onkologie-Spezialistin erhält selber eine Krebsdiagnose. Da ahnt sie, was sie alles falsch gemacht hatte im Job. In einem offenen Brief entschuldigt sie sich bei ihren Patienten. Eine Lektion – gerade für Medizin-Profis.

, 9. Dezember 2016, 16:32
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  • onkologie
  • pflege
«Liebe alle Krebspatienten, die ich je betreut habe: Es tut mir leid. Ich hatte es nicht begriffen»: Mit diesem Satz beginnt Lindsay Norris einen Blog-Post, ihren offenen Brief. 
Eigentlich wusste sie seit Jahren genau, was Krebs ist. Denn sie ist Onkologie-Pflegefachfrau.
Aber erst, als bei ihr selber ein Tumor diagnostiziert wurde, merkte sie, dass sie eigentlich überhaupt nichts wusste.
Der Brief wurde bis heute tausendfach geteilt und zitiert, zumindest im englischen Sprachraum. Kein Wunder: Gerade durch ihre Profi-Erfahrung ist Lindsay Norris einer besonderen Lage – sie kann den Graben zwischen Medizinern und Patienten spüren lassen wie selten jemand sonst.
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Die Onkologie-Pflegefachfrau aus Kansas, 33 Jahre alt, hatte fast ihr ganzes Berufsleben lang mit der Krankheit zu tun, sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich. Sie war auch Dutzende Male dabei, als einem Menschen die Diagnose überbracht wurde. Deshalb glaubte sie genau zu wissen, was es bedeutet, Krebspatient zu sein.
Doch als bei ihr ein kolorektales Karzinom bemerkt wurde, beschäftigte sie rasch eine niederschmetternde Neben-Einsicht: «I didn’t get it». Sie war ihren Patienten völlig falsch gegenübergetreten.
«I didn’t get it», wendet sie sich nun an diese Patienten: «Ich habe nicht begriffen, wie hart es ist, wenn man warten muss. Es ist buchstäblich das Schlimmste. Der Diagnose-Prozess dauert ewig.»
I didn’t get it: «Ich habe nicht begriffen, wie entsetzlich es war, als Ihr andere Leute informieren musstet. Ihr wusstet nicht, was sagen. Sie wussten auch nicht, was man reden soll.»

«…wenn man ständig traurig angeschaut wird»

I didn’t get it: «Ich habe nicht begriffen, wie sehr Ihr an jedem Satz gehangen seid, den ich gesagt habe. Ihr spieltet ihn hundert Mal im Kopf durch.»
«Ich habe nicht begriffen, wie viel ihr gegoogelt habt. Ich hatte Euch aufgefordert, es bleiben zu lassen. Aber ihr habt es getan, ständig. Und so mache ich es jetzt auch.»
«Ich habe nicht begriffen, wie es sich anfühlt, wenn man die ganze Zeit traurig angeschaut wird. Wie es ist, wenn man zum ersten Mal (nach der Diagnose) bei der Arbeit den Gang runtergeht oder wenn man jemanden zum ersten Mal wieder sieht.»
«Ich habe nicht begriffen, was bei all diesen Terminen wirklich los ist. Ich wusste natürlich, was ich Euch sagte, was ihr an all diesen Onkologie-Terminen zu erwarten hattet – in all den verschiedenen Scan-, Radiologie, OP- und Behandlungs-Räumen. Aber ich wusste nicht, was ich Euch über die Hintergründe sagen hätte sagen sollen. Ich hätte Euch mehr über das Gesamtbild sagen müssen.»

«Ich habe nicht begriffen, wie komisch es ist, wenn man die ganze Zeit ‚mutig’ genannt wird»

I didn’t get it: «Ich habe nicht begriffen, weshalb ihr die ganze Zeit argwöhnisch wart. Ihr konntet einfach nicht anders als ständig anzunehmen, dass wir irgendetwas über Eure Prognosen wissen, aber nicht sagen. Wir haben die Prozentsätze und Statistiken mit Euch geteilt – aber auch, dass jeder Krebs anders ist… Dennoch: War da nicht noch etwas mehr?»
«Ich habe nicht begriffen, dass es etwas ganz anderes heisst, wenn Ihr sagtet, Ihr seid müde. Natürlich, es gibt Begriffe wie Erschöpfung oder extreme Ermattung – aber es müsste wirklich ein eigenes Wort nur für Krebspatienten geben. Denn das ist niederschmetternd. Wirklich.»
«Ich habe nicht begriffen, wie sehr einen die 'Optionen' konfus machen. Manchmal gibt es mehrere Möglichkeiten. Ob bei Ärzten, Medikamenten, Abläufen. Ich versuchte mein Bestes, Euch jedes Detail verstehen zu lassen, aber mehr Optionen bedeuteten oft mehr Konfusion. Ihr wolltet einbezogen sein in die eigene Therapie – aber der Stress der vielen Optionen war manchmal zu viel. Ihr batet mich um meinen Input, ich solle sagen, was ich an Eurer Stelle tun würde. Ich habe diese Frage gehasst, aber jetzt verstehe ich Euch. Es tut mir leid. I didn’t get it.»



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