Onkologie: In Zeiten des Hypes

Der Krebsbericht, heute erschienen, belegt tatsächlich starke Fortschritte von Ärzten und Forschern. Doch mit der Hoffnung werden offenbar auch Mythen aufgebaut.

, 21. März 2016, 16:05
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Man könnte ja auch heute wieder in Jubel ausbrechen: Der Schweizer Krebsbericht, diesen Montag veröffentlicht, beweist deutlich bessere Chancen für Onkologie-Patienten als noch vor wenigen Jahren. Hierzulande erreichen die 5-Jahres-Überlebensraten bei Arten wie Brust- und Prostata-Krebs oder dem Melanom mittlerweile mehr als 80 Prozent. Und die Forscher hinter dem Report erklären derartige Erfolge zum grossen Teil als «Folge von neuen Therapien und der verbesserten Diagnose von Krebs». 
Gerade in den letzten Jahren, ja Monaten häuften sich die Meldungen, die auf einen regelrechten Durchbruch im Kampf gegen die furchtbare Krankheitsgruppe hoffen lassen – Stichwort: Immuntherapie und gentechnische Methoden. 
Untermauert wurde dies durch spektakuläre Erfolge; etwa durch den Fall des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der nach einem Melanom bereits Metastasen in Lunge und Hirn hatte, aber jetzt, wenige Monate nach Bekanntgabe seiner Krankheit, tumorfrei sein soll.

Hoffnung prägt Forschung

Dies dank dem Immuntherapie-Medikament Keytruda (Merck). Was wiederum zur Folge hatte, dass die amerikanischen Onkologen von ihren Patienten eindringlich aufgefordert werden, ihnen dasselbe Mittel zu verschreiben
So wurden Hoffnungen aufgebaut, die wiederum zurückwirken auf die Therapeuten und Forscher. Eine Untersuchung zweier Mediziner der Universität Cleveland sowie des National Health Institute zeigt nun, dass den Krebsmedikamenten in den Medien mehr und mehr Wunderkraft zugetraut wird. Wir haben es, so ist zu befürchten, mit einem Hype zu tun, der nicht untermauert ist durch die wahren Fortschritte. 

Matthew V. Abola, Vinay Prasad: «The Use of Superlatives in Cancer Research», in: JAMA Oncology, Januar 2016.

Matthew Abola und Vinay Prasad kamen zum Schluss, dass in den jüngeren Berichten über die Krebsforschung zunehmend Superlative eingesetzt werden, «obwohl die meisten neuen Krebsmedikamente nur einen bescheidenen Nutzen bieten».
Die beiden Ärzte suchten nach 10 Superlativen, die im vergangenen Sommer in Berichten über Krebsmedikamente beziehungsweise deren Zulassung verwendet worden waren – es waren Wörter wie Durchbruch («breakthrough»), revolutionär, Wunder, transformativ, bahnbrechend («game changer») und so weiter.

Medikamente ohne Zulassung gefeiert

Ergebnis: In den untersuchten Artikeln wurden insgesamt 36 Medikamente mit solchen Begriffen hochgejubelt – wobei auf der anderen Seite ziemlich genau die Hälfte der Wirkstoffe noch gar keine behördliche Zulassung hatte.
Aboly und Prasad sichten dabei eine gewisse Verantwortung auch der Fachwelt selber: «Die Sprache, die in der der Praxis und Forschung der Onkologie verwendet wird, könnte gewisse Konnotationen wecken», schreiben sie in «JAMA Oncology». Wir hatten hier auf Medinside ja jüngst auch das Beispiel, bei dem eine klinische Studie vor der American Association for the Advancement of Science mit Vokabeln wie «unprecedented», beispiellos, und revolutionär präsentiert wurde. 

Werbesprech in Fachartikeln

Die entsprechenden Presseartikel und Medienbeträge, so geben Aboly und Prasad nun allerdings zu bedenken, dürften eine wichtige Informationsquelle für die Patienten, für die Öffentlichkeit und für die Investoren sein – «mit einer grösseren Wirkung als die Veröffentlichungen in den Fachzeitschriften.» Dies könnte aber zu Missverständnissen, falschen Hoffnungen und Fehlallokationen führen.
Im Hintergrund steht auf der anderen Seite, dass die medizinischen Fachpublikationen selber zunehmend zum Werbe-Sprech neigen. Dies zeigten unlängst vier Wissenschaftler aus Holland auf, geleitet von Christiaan H. Vinkers: Sie stellten sich nämlich die Frage, wie positive und negative Wörter in den medizinischen Fachpublikationen benutzt werden (mehr dazu hier). 
Der Trend war klar, ja geradezu dramatisch: Die Einsatz solcher Adjektive steigerte sich zwischen 1974 und 2014 von 2 Prozent der Beiträge auf 17,5 Prozent – wobei die Begriffe «robust», «neuartig» («novel»), «innovativ» und «beispiellos» («unprecedented») am klarsten zulegen konnten.

Seit zwei Jahrzehnten dieselben Grenzen

Feststellbar wird also, dass gerade in der Onkologie eine neue Hoffnungs-Welt aufgebaut wird, welche die Realität allzu sehr überstrahlt. Darauf verwies dieses Wochenende auch der Neurowissenschaftler Melvin Konner (Emory) im «Wall Street Journal». 
Die Grenzgebiete der Forschung, die jetzt so viel versprechen, seien schon vor zwanzig Jahren als Zukunftsträume gegolten: Genetik, Immuntherapie, «Aushungern» des Tumors… Schon damals schien der Punkt nah, wo sich die Krebstherapie von der Trias Schneiden—Bestrahlen—Vergiften lösen können würde. 

Melvin Konner: «Watch the Hype: Cancer Treatment Still Has Far to Go», in: «Wall Street Journal», 17. März 2016.

Doch welche wirklichen Fortschritte, so Konner, liessen sich dank neuer Krebsmedikamente seither im klinischen Alltag festmachen? 
Da war Glivec, das bei einer gewissen Leukämieform tatsächlich starke Wirkungen zeigt; da kam Herceptin, das bei 15 bis 20 Prozent der Brustkrebs-Patientinnen nachhaltig hilft; da war Yervoy (Ipilimumab) bei fortgeschrittenem Melanom. Und da ist jetzt, womöglich, Keytruda.
Melvin Konner rechnete jedenfalls überzeugend vor, dass die Fortschritte relativ und in absoluten Zahlen immer noch gering sind. Verglichen etwa damit, dass sich die Todesfälle wegen Herzproblemen seit den 1980ern etwa halbiert haben.
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