Jetzt geht es um die Frage der Vertuschung

Der Fall einer Tessinerin, der nach einer Verwechslung beide Brüste amputiert wurden, dreht weiter: Die Clinica Sant'Anna geht auf Abstand zum operierenden Arzt. Es gibt Indizien, dass der Operations-Rapport gefälscht wurde. Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet.

, 13. Juli 2015, 07:22
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Ein Chirurg verwechselt zwei Patientinnen – und dabei verliert eine der Frauen ihre Brüste: Dieser tragische Fall beschäftigte das Tessin auch übers Wochenende. Die Clinica Sant'Anna, wo der Fehler geschah, veröffentlichte inzwischen ein Communiqué. Grundsätzlich wird der Sachverhalt bestätigt: «Der Fall ist sicherlich schwerwiegend, die Klinik bedauert ihn» («l fatto è certamente grave, la Clinica si rammarica»). Allerdings markiert die Institution auch Distanz: Es handle es sich nicht um eine Verwechslung der Klinik, sondern um einen Identifikations-Fehler durch den behandelnden Arzt.
Die Direktion des Spitals habe als Konsequenz daraus die Kontrollen verstärkt. Seither werde beim Übergang der Patienten aus dem Bettentrakt in den OP-Saal noch ein weiterer Check durchgeführt. Auch habe man ein neues System zur Registrierung von Zwischenfällen (Critical Incident Reporting System) eingeführt (die ganze Mitteilung findet sich hierhier und hier). Der Arzt selber wurde aber bislang nicht suspendiert.

Der Arzt ersuchte um ein Treffen

Am Freitag war bekannt geworden, dass einer 67jährigen Frau in der Tessiner Genolier-Klinik fälschlicherweise beide Brüste amputiert worden waren. Der Patientin sollte ein kleiner Tumor entfernt werden. Als die Patientin aus der Narkose erwachte, erlebte sie einen Schock – der Arzt hatte eine mastectomia totale bilaterale vorgenommen. Seine Erklärung: Der Tumor hatte sich stärker ausgebreitet als angenommen.
Dies war offenbar eine Falschinformation. Denn Patientin liess die Sache nicht auf sich beruhen, fragte und recherchierte weiter – bis sich knapp ein halbes Jahr später der operierende Arzt meldete und um ein Treffen ersuchte. In Anwesenheit des Klinik-Anwalts Fulvio Pelli wurde der Frau in November eröffnet, dass sich ein Fehler ereignet habe: Im Ops sei sie mit einer anderen Patientin verwechselt worden.

«Ich will kein Geld. Ich will die Wahrheit»

Dabei erklärte man – immer laut Darstellung der Frau aus dem Sottoceneri – die lange Schweigezeit damit, dass man sie so kurz nach der Operation durch die Information nicht habe traumatisieren wollen.
Die Frau meldete sich nun bei der Tessiner Zeitung «La Regione», um ihr Schicksal publik zu machen: «Ich will kein Geld», erklärte sie, «ich will die Wahrheit. Und ich will vermeiden, dass andere meinen Kreuzweg durchmachen müssen.»
Der heikle Punkt ist dabei weniger der Kunstfehler respektive die Verwechslung an sich, sondern die Informationspolitik: Vieles deutet inzwischen auf einen Vertuschungs-Versuch hin. Nachdem «La Regione» den Fall am Freitag publik gemacht hatte, kam jetzt ans Licht, dass der gravierende Fehler im Operations-Rapport ebenfalls nicht erwähnt wurde. Wie das Tessiner Fernsehen RSI herausfand, hielt der Chirurg auch dort fest, dass die Mastektomie aus medizinischen Gründen nötig war, weil sich der Tumor bereits zu stark ausgebreitet hatte.

Jetzt die politischen Fragen

Dies macht die Lage des Chirurgen besonders heikel, könnte es sich doch um eine strafbare Dokumentenfälschung handeln. Zugleich nährt es den Verdacht zusätzlich, dass hier ein schwerwiegender Fehler einfach unter den Teppich gekehrt werden sollte. Insbesondere untergräbt die Fehlnotiz im Rapport direkt nach der Operation die Ausrede, man habe zur Schonung der Patientin mit der Information einige Zeit zuwarten wollen.
Die SP-Grossrätin Gina La Mantia reichte also schon am Samstag eine Interpellation bei der Tessiner Regierung ein, worin sie die Art der Information zum Hauptthema machte: «Wie ist es möglich, dass die Clinica Sant'Anna diesen schweren Fehler vor der Patientin und den Behörden über vier Monate lang verheimlicht hat?», lautet eine Frage in der parlamentarischen Anfrage.
Hier seien grundlegende Patientenrechte betroffen, argumentiert die Gesundheitspolitikerin weiter. Menschliche Fehler wie dieser könnten passieren; daher sei sei es nötig, die Arbeitsprozesse und die Zusammenarbeit stetig zu verbessern. Besonders wichtig sei aber, «dass die Patienten immer in ausführlichster Form und frühzeitig informiert werden – und dass ihre Entscheidungsautonomie respektiert wird.»
Die Interpellation richtet sich also primär um die Frage der Offenheit. La Mantia will von der Regierung wissen, wie sich künftig vermeiden lasse, dass Medizinfehler unbemerkt bleiben – und wie sich mehr Transparenz schaffen lässt (zum ganzen Text).

Zum Thema: «Wie unglaubliche Kunstfehler passieren können»

Auch der Präsident der Tessiner Ärztevereinigung, Franco Denti, setzt hier ein Fragezeichen: Die Klinik könne wohl kaum die ganze Verantwortung beim Chirurgen abladen, sagte der OMCT-Präsident. In diesem Zusammenhang sichtet Franco Denti auch eine Lücke in der Gesetzgebung: Das Gesundheitsgesetz sehe lediglich vor, dass das medizinische Personal die Patienten korrekt informieren muss; aber es stelle nicht klar, dass die Kliniken – also die Institutionen – ebensosehr dazu verpflichtet sind, monierte Denti im Tessiner Fernsehen
Derweil hat die Patientin Anzeige erstattet, und auch Kantonsmediziner Giorgio Merlani baut offenbar Druck auf. Am Freitag hatte Merlani in «La Regione» noch angekündigt, die Sache überprüfen zu wollen; aber er erwähnte auch, dass sein Amt die Arbeitsbläufe in der Clinica Sant'Anna erst im Januar kontrolliert habe. Am Wochenende setzte der Kantonsarzt indessen nach und bestätigte dem «Corriere del Ticino», dass er eine Beschwerde an die Staatsanwalt gesandt habe: «Es ist klar, dass dies ein schwerwiegender Fehler ist.»
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