Hirslanden: Heute fällt der Startschuss im Genetik-Labor

Ein Jahr lang dauerte die Pilotphase für das neue Kompetenzzentrum Hirslanden Precise. Heute findet die Eröffnung statt. Die beiden Chefs sprechen über das Labor und unsere Gene.

, 18. November 2021, 07:37
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Die genetische Veranlagung ist für die Entstehung und den Verlauf vieler Krankheiten mitverantwortlich. Um die persönlichen Risiken abzuklären und Erkrankungen optimal zu diagnostizieren und zu therapieren, hat Hirslanden ein eigenes Zentrum für genomische Medizin gegründet: Hirslanden Precise. Nach der einjährigen Pilotphase eröffnet dieses Kompetenzzentrum heute in Zollikon mit einem eigenen Labor. Die Leitung inne haben die beiden Professoren Sabina Gallati und Thomas Szucs. «Für die Anfangsphase arbeiten der technische Leiter Michael Thelen, sowie ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, Janic Teutsch, im Labor», erklärt Hirslanden gegenüber Medinside.

Gene und Krankheiten

Es gibt eine ganze Reihe von Genen, die für bestimmte Krankheiten verantwortlich sind. «Jedes Jahr kommen neue Erkenntnisse dazu», sagt Sabina Gallati, Professorin und Co-Leiterin genomische Medizin Hirslanden. Besonders etabliert sei das Wissen bereits in den Bereichen Krebs und Herzkreislauferkrankungen. 
«Genetische Untersuchungen sind da auch in den evidenz-basierten Behandlungsempfehlungen enthalten. Wenn jemand beispielsweise genetisch bedingt ein hohes Brustkrebsrisiko hat, können wir Massnahmen zur Früherkennung einleiten», so Gallati.
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Sabina Gallati und Thomas Szucs, Professoren und Co-Leiter Genomische Medizin bei Hirslanden. (zvg)

Therapie: «one-size-fits-all» hat ausgedient

Auch im Bereich Medikamentenwirksamkeit spielt die erbliche Veranlagung eine zentrale Rolle: Je nach Medikament kann heute bei bis zur Hälfte aller Patienten und Patientinnen kein ausreichender Nutzen nachgewiesen werden.
Manchmal kommt es gar zu unerwünschten Nebenwirkungen oder Komplikationen. In der «Pharmakogenetik» wird mittels genetischem Test untersucht, ob eine gewisse Therapie für einen Patienten oder eine Patientin geeignet ist und zur gewünschten Wirkung führt.
«Der sogenannte one-size-fits-all-Ansatz hat in der Medizin längst ausgedient. Unser oberstes Ziel ist es, die Lebensqualität von Menschen basierend auf ihren einzigartigen genetischen Voraussetzungen zu verbessern», fügt Professor Thomas Szucs, Co-Leiter Genomische Medizin Hirslanden und Facharzt für Pharmazeutische Medizin, an.
«Wenn wir von Anfang an wissen, dass ein Medikament oder eine Therapie aufgrund der genetischen Disposition nicht wirken kann, können wir wertvolle Zeit sparen und Patienten die unnötige Belastung ersparen. Die Behandlung von Krebspatienten mittels Chemotherapie ist ein gutes Beispiel hierfür.»

Gentest aus dem Internet schüren Angst

Die Genetik-Expertinnen und -Experten von Precise werden eng mit den behandelnden Fachärztinnen und -ärzten zusammen arbeiten. «Genetische Analysen bieten nur dann einen Mehrwert, wenn sie in die Gesamtbehandlung eines Patienten eingebettet sind. Über das Internet werden heute viele Gentests angeboten, die keine therapeutische Konsequenz haben und deren Berichte nichts aussagend – oder gar falsch sind», warnt Gallati, die auch Präsidentin der eidgenössischen Kommission für genetische Untersuchungen beim Menschen ist.
Das sei fahrlässig und schüre Angst. «Wir setzen genetische Analysen da ein, wo sie einen medizinischen Mehrwert bieten. Im Moment ist das Wissen rund um die Möglichkeiten der genetischen Medizin leider noch zu wenig etabliert: oft wird Letztere in einen Topf mit Genmanipulation oder Gentechnik geworfen.» 

Die genomische Medizin - Fragen und Antworten

Ergänzend zu traditionellen Ansätzen der Medizin befasst sich die genomische Medizin mit den individuellen genetischen Voraussetzungen eines Menschen und stimmt die medizinische Behandlung darauf ab: In einem ersten Schritt wird das persönliche Risiko für eine erblich bedingte Krankheit auf Basis des individuellen Erbguts (DNA) beurteilt. Daraus leiten Experten und -Expertinnen ab, welche Präventionsmassnahmen und/oder Behandlungen individuell nötig, sinnvoll und wirksam sind – für die betroffene Person und die Angehörigen.
Herr Szucs, sind Genetik-Untersuchungen also präventiv? Sprich: Sollte ich aus einer Familie mit hohem Krebsrisiko kommen, kann ich dies ganz genau bei Ihnen abklären lassen, ob ich diese Gene in mir trage und einem Risiko ausgesetzt bin?
«Familie mit hohem Krebsrisiko» ist nicht ganz korrekt. Es geht ganz genau darum: «viele Familienmitglieder, die in jungen Jahren an Krebs erkrankt sind».

Wie gehen Sie in solchen Fällen vor?

Wenn es viele Krebserkrankungen in jungen Jahren in der Familie gibt, würde man in einer genetischen Sprechstunde ganz genau die Familienanamnese und entsprechend eine klare Fragestellung erarbeiten. Anschliessend würde eine genetische Analyse auf diese Fragestellung durchgeführt werden. Genetische Untersuchungen werden  sowohl präventiv, als auch in der Behandlung eingesetzt. Präventiv eingesetzt, kann man dank einer genetischen Untersuchung die Wahrscheinlichkeit abklären, mit der eine Person an einem bestimmten, vererbbaren Leiden wie Krebs oder Herzkreislauferkrankungen erkrankt. 

Weiter kann abgeklärt werden, ob ein bestimmtes Medikament, eine Therapie oder ein Anästhetika wirksam sind ...

.... genau und in welcher Dosis. Behandelnd kann es beispielsweise in der Krebstherapie eingesetzt werden. Mit einer genetischen Analyse des Tumorgewebes, können wir erkennen, ob der Tumor auf eine bestimmte Therapie anspricht oder wir besser auf eine andere Therapie ausweichen.
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