«Herzchirurgie ist nichts für Frauen»

Herabsetzende Äusserungen sind auf herzchirurgischen Stationen keine Seltenheit, wie eine Umfrage in Deutschland zeigt. Das «Netzwerk Herzchirurginnen» soll helfen, die Karrierechancen von Frauen zu verbessern.

, 24. Februar 2022, 16:34
image
Rund 70 Prozent der Medizinstudenten in Deutschland sind weiblich – der Frauenanteil in leitenden Funktionen liegt aber gerade einmal bei rund 10 Prozent.
In der Herzchirurgie sei der Anteil noch niedriger. Denn nur wenige Medizinstudentinnen würden sich für dieses Fachgebiet entscheiden, ist in einem Artikel der Online-Plattform «Medscape» zu lesen.

In der Herzchirurgie fehlen Chefärztinnen

Auf den herzchirurgischen Stationen in Deutschland gibt es unter den Chefärzten derzeit keine einzige Frau. Das soll sich ändern.
Dazu beitragen soll das «Netzwerk Herzchirurginnen». Dieses wurde im Jahr 2020 gegründet und wird von der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefässchirurgie (DGTHG) gefördert.
Mit dem Zusammenschluss sollen Herzchirurginnen untereinander ein besseres Netzwerk ausbauen können; das Zusammenarbeiten mit ähnlichen Gruppierungen, z.B. mit dem Verein Chirurginnen e.V., soll genutzt werden; Trainingskurse und Mentoring-Programme nur für Frauen sollen angeboten werden etc.
Wissenschaftliche Projekte wie die aktuelle deutschlandweite Umfrage «Frauen in der Herzchirurgie» würden ebenfalls zu den wichtigen Aufgaben des Netzwerks gehören. Bei der genannten Online-Umfrage wurden von November 2020 bis Januar 2021 an allen 79 Herzchirurgie-Zentren in Deutschland sowohl Herzchirurginnen als auch Abteilungsleiter zu Karrierechancen von Frauen befragt.

Rund ein Fünftel verzichtet bewusst auf Kinder

Fast 650 der rund 2’600 medizinischen Angestellten auf diesen Stationen – das entspricht fast einem Viertel – waren weiblich. Während unter dem Assistenzpersonal bis zur Facharztebene das Verhältnis von Frauen zu Männern bei etwa eins zu zwei gelegen sei, habe der Anteil der Oberärztinnen lediglich 13 Prozent betragen; Chefärzte auf den Stationen waren ausschliesslich Männer, steht im Artikel von «Medscape» zu lesen.
60 Prozent der befragten Frauen haben ein Kind und 30 Prozent haben zwei Kinder. 90 Prozent der Herzchirurginnen mit Kindern sind in Vollzeit tätig. 22 Prozent machten die Angabe, bewusst auf Kinder für ihre Karriere zu verzichten.

Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz

64 Prozent der Teilnehmerinnen berichteten, aufgrund ihres Geschlechts am Arbeitsplatz schon diskriminiert worden zu sein. So mussten sie sich etwa Sätze anhören wie «Herzchirurgie ist nichts für Frauen» oder «Ihr Beruf und eine Familie sind nicht vereinbar». 88 Prozent der Herzchirurginnen waren der Ansicht, dass ihre Karrierechancen schlechter als die der männlichen Kollegen seien.
Während die meisten Frauen zustimmten, dass ihre Leistung weniger als die von männlichen Kollegen anerkannt werde und dass sie mehr Aufgaben hätten, die nicht karrierefördernd seien, wurde dies von den Chefärzten oft verneint. Gemäss «Medscape» haben die Chefärzte vielmehr die geringere Qualifikation von Frauen, fehlendes Durchsetzungsvermögen und weniger Bereitschaft zur Übernahme von Führungspositionen hervorgehoben. Diese Punkte seien auch von den Herzchirurginnen eingeräumt worden.  
Gibt es hierzulande Chefärztinnen in der Herzchirurgie? Was wird unternommen, um mehr Frauen für den Beruf zu gewinnen? Gibt es hierzulande einen vergleichbaren Zusammenschluss wie das «Netzwerk für Herzchirurginnen»? Das wollte Medinside unter anderem vom Präsidenten der Schweizerischen Gesellschaft für Herz- und thorakale Gefässchirurgie (SG HC) wissen. Hier gelangen Sie zum Artikel. 
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Unispital Zürich: Das ist der neue Chef der Herzchirurgie

Omer Dzemali folgt am Zürcher Universitätsspital auf Herzchirurgie-Chef Paul Robert Vogt.

image

Covid: Jeder zehnte Europäer hat geringeres Sterberisiko

Eine neue deutsche Studie zeigt: Eine bestimmte Genvariante verringert das Sterberisiko um einen Drittel. Die Ergebnisse wurden in «Frontiers of Genetics» publiziert.

image

Forscher finden Mikroplastik in menschlicher Leber

Deutsche Forschende haben erstmals Mikroplastik in menschlichem Lebergewebe nachweisen können. Davon betroffen waren Patienten mit Leberzirrhose.

image

Deutschen Apotheken gehen die Schmerzmittel aus

In Deutschland kämpfen Apotheken mit Lieferengpässen bei Medikamenten für Kinder. Hauptsächlich fehlt es an Ibuprofen und Paracetamol.

image

Herzchirurg René Prêtre operiert weiter

Zwar übernimmt Matthias Kirsch in einem Monat die Lausanner Herzchirurgie. Doch der bisherige Leiter, René Prêtre, wird weiteroperieren.

image

So lässt sich beim Operieren Haltung bewahren

Wer im OP arbeitet, leidet oft unter Rückenschmerzen. Dagegen helfen eine korrekte Körperhaltung, Fitnessübungen – und auch eine geeignete Lupe.

Vom gleichen Autor

image

«Ich brauchte nach der Pause mindestens drei Jahre»

Daniela Fürer arbeitete rund eineinhalb Jahre als Intensivpflegefachfrau, dann wurde sie Mutter und machte eine lange Pause – bis zum Wiedereinstieg.

image

Quereinstieg Pflege: Hunger auf beruflichen Neubeginn

Der Rucksack von Annette Gallmann und Peter Kienzle ist gefüllt mit allerhand Arbeits- und Lebenserfahrung. Die 47-jährige Gastronomin und der 52-jährige Art Director machen die Ausbildung HF Pflege.

image

Hat das Stethoskop auf Arztfotos seine Berechtigung?

Ärztinnen und Ärzte werden fast immer mit einem Stethoskop um den Hals abgelichtet. Braucht’s das? Und: Ist das medizinische Diagnoseinstrument überhaupt noch zeitgemäss?