Grober Kunstfehler: Arzt darf wieder operieren

Die Tessiner Gesundheitsdirektion habe einem Chirurgen die Bewilligung zu Unrecht entzogen, entschied das Gericht. Der Arzt hatte einer Frau fälschlicherweise beide Brüste amputiert.

, 8. Juni 2017, 14:27
image
  • kunstfehler
  • tessin
  • gynäkologie
  • chirurgie
  • spital
Es ist ein exemplarischer Streit, der seit Sommer 2014 im Tessin läuft. Damals hatte ein Belegarzt der SMN-Klinik Sant’Anna in Soregno einer Patientin fälschlicherweise beide Brüste amputiert. Dabei hatte der Chirurg offenbar zwei Patientinnen verwechselt.
Der Fall flog erst ein knappes Jahr später auf, was den Verdacht weckte – und von der Patientin auch so dargestellt wurde –, dass hier ein Kunstfehler vertuscht werden sollte. Nach diversen Medienberichten über den Fall entzog das Tessiner Gesundheitsdepartement jedenfalls dem Arzt, Piercarlo Rey, im September 2015 die Bewilligung

…ob frei oder im Anstellungsverhältnis

Wie das Dipartimento della sanità e della socialità damals mitteilte, gelte der Entzug unbefristet und für alle ärztlichen Tätigkeiten, ob frei oder im Anstellungsverhältnis; der Gynäkologe könne aber nach zwei Jahren ein Wiedererwägungs-Gesuch stellen.
Konkret monierte die Aufsichtsbehörde, dass der Arzt ungenügende Vorkehrungen zur präzisen Identifikation der Patientin getroffen habe – und, sopratutto, dass er «seine Pflicht, die Patientin und die involvierten Personen richtig zu informieren, in schwerer Weise verletzt» habe.

«Zu rasch und ungerechtfertigt»

Dr. Rey wollte dies aber nicht auf sich sitzen lassen und zog vors Gericht – mit Erfolg. Im September erlaubte ihm bereits das Bundesgericht, grundsätzlich wieder als Arzt zu arbeiten; allerdings müsse das Tessiner Verwaltungsgericht darüber befinden, ob er auch als Chirurg tätig sein dürfe. Wie die Anwälte des Mediziners nun bekanntgaben, erteilte ihm das Tessiner Verwaltungsgericht am Mittwoch nun auch hier grünes Licht: Der Bewilligungsentzug sei nicht statthaft.
Laut der Mitteilung ist Rey damit ab sofort wieder als Chirurg aktiv. Der neue Entscheid bestätige weiter, dass die vermutete Verantwortung von Dr. Rey deutlich geringer ist und dass der Chirurg zu rasch und ungerechtfertigt durch das Gesundheitsdepartement sanktioniert wurde, so die Einschätzung seiner Verteidiger.

Es geht weiter

Immer noch offen ist damit aber der strafrechtliche Fall. Die Staatsanwaltschaft wollte Rey im Frühjahr mit einer Strafe von 120 Tagessätzen sowie einer Busszahlung von 3'000 Franken bestrafen. Dieses Strafmandat akzeptierte der Arzt nicht, da er sich grundsätzlich als unschuldig betrachte – «pur rallegrato dal fatto che la sua eventuale concolpa sia stata irreversibilmente ridimensionata, è convinto della sua innocenza».
Es gibt also nicht, wie von der Staatsanwalt ursprünglich geplant, ein abgekürztes Verfahren, sondern der Fall kommt jetzt vor das zuständige Bezirksgericht. Dort ist noch kein Termin festgelegt.
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Annette Ciurea verlässt das Spital Männdorf

Die Ärztin wechselt in die Geschäftsleitung von Age Medical. Dort soll sie mitunter Angebote rund um die Palliative Geriatrie weiterentwickeln.

image

Freiburg: Das ist der neue Leiter Innere Medizin

Julien Vaucher wird Leiter des Departements Innere Medizin und Fachbereiche am Freiburger Spital. Heute herrscht dort eine Leitung ad interim.

image

Badener Spital will bessere Luft in seinen Zimmern

Dazu werden am Kantonsspital Baden im Rahmen eines Pilotprojekts neuartige Filteranlagen getestet. Ziel ist es, das Infektionsrisiko zu reduzieren.

image

Auf der Oktoberfest-Wiesn steht sogar ein Computer-Tomograph

Das Münchner Oktoberfest 2022 bietet weltweit erstmalig auf einem Volksfest eine derartige medizinische Untersuchung an.

image

Inflation: Schweizer Spitäler fordern teuerungsangepasste Tarife

Höhere Energiekosten und höhere Kosten für Materialen des täglichen Bedarfs belasten die Rechnungen der Spitäler zusätzlich.

image

Uniklinik Balgrist und Spital Davos spannen zusammen

Geplant ist eine Kooperation in den Bereichen Sport- und Präventionsmedizin, Prähabilitation und Wirbelsäulenmedizin. Mitunter soll der Bereich Forschung gestärkt werden.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.