Jürg Schlup: «Viele Ärzte vertrauen den Krankenkassen nicht mehr»

Der FMH-Präsident erklärt, warum die Ärzte in der Tarif-Revision abblocken. Die geforderte «Kostenneutralität» erscheint ihnen unverständlich.

, 20. Juni 2016, 05:30
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Die FMH-Spitze hatte sich laut ihrem Präsidenten Jürg Schlup bemüht, die Mitglieder von der Notwendigkeit eines Kompromisses im Tarmed-Streit zu überzeugen. Erfolglos. Die Mehrheit der Ärzte schmetterten den neuen Tarif in einer Urabstimmung bekanntlich ab.
Die Ärzte wären grundsätzlich kompromissbereit, wenn mittelfristig eine Besserstellung möglich wäre. Dies sagte Schlup der «Berner Zeitung». «Aber sie glauben nicht mehr daran, dass das gelingen wird.» 
Warum? Zu oft seien sie enttäuscht worden: tiefere Taxpunkte, weniger Tarifpositionen... «Das Problem ist wohl, dass viele Ärzte den Krankenkassen nicht mehr vertrauen», so der Präsident der Ärzteverbindung FMH weiter.

Akzeptiert — aber eigentlich doch nicht

Schlup bedauert zwar den Entscheid der Urabstimmung, hat aber Verständnis für die ärztliche Gegenwehr. Er verstehe, dass eine Mehrheit nicht bereit war, ihrer eigenen Schlechterstellung zuzustimmen. Und die Mehrkosten, die der neue Tarif bewirkt hätte, wären sachlich und betriebswirtschaftlich gerecht­fertigt gewesen.
Die vom Bundesrat geforderte «Kostenneutralität» habe die FMH-Spitze zähneknirschend akzeptiert – doch grundsätzlich lehne man diese ab. «Diese Kostenneutralität ist in der Schweiz zu einer fixen Idee geworden», so Schlup. «Ich habe nie verstanden, warum ausgerechnet unser Staat ein derart fragwürdiges Konzept anwendet.» 
In keinem anderen Land käme es der Politik in den Sinn, die Besserstellung der Hausärzte über eine Kürzung der Einnahmen der Spezialisten zu finanzieren.

Kosten gleich Investition

«Ich verstehe nicht, warum die Stärkung der Hausärzte kostenneu­tral sein muss. Das darf man sich doch etwas kosten lassen, im Sinne einer Investition, die sich später auszahlt.»
Schlups Argumentation geht so: Gibt es künftig mehr leistungsstarke ambulante Versorgungszentren mit Haus- und anderen Ärzten, dann können diese mehr Patienten besser behandeln und damit teure Spitaleintritte verhindern.
Das Seilziehen im Tarifstreit geht weiter. Der Bund erwartet bis Ende Juni Vorschläge. Erst am Wochenende wurde bekannt, dass Bundesrat Alain Berset die Frist erstrecken will, um das überarbeitete Tarifpaket einzureichen.
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