Felix Platter Spital: Neuer Ansatz in der Delir-Behandlung

Das auf Altersmedizin spezialisierte Zentrum in Basel geht neue Wege in der Delir-Betreuung. Zur Mobilitätsüberwachung der Patienten wird ein spezielles System eingesetzt.

, 8. Oktober 2021, 10:47
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In Schweizer Spitälern erleiden jährlich zwischen 10 und 28 Prozent aller Patientinnen und Patienten ein Delir.
Delir-Patienten werden bisweilen medikamentös ruhiggestellt, eine Sitzwache bleibt die ganze Nacht am Bett des Patienten, freiheitseinschränkende Massnahmen werden ergriffen (z.B. Fixation), es wird gewartet, bis sich das Verhalten des Patienten wieder normalisiert – so sieht es die gängige Praxis häufig vor.
Das auf Altersmedizin spezialisierte Felix Platter Spital geht seit Oktober 2020 neue Wege: Es verfügt über eine spezialisierte Delir-Abteilung mit zwölf Bodenbetten für verwirrte Personen mit hohem Bewegungsdrang und hohem Sturzrisiko. Deren Mobilität wird mit einem speziellen System überwacht: mittels Raumsensor von «Qumea» (siehe Box). 

So viele Bewegungspunkte erfasst das System in einer Sekunde

Der Sensor ist mit einem Radarsystem ausgestattet, das sowohl die Position als auch die Körperhaltung des Patienten erkennt. Denn das dreidimensionale Radar kann 100 Millionen Bewegungspunkte pro Sekunde erfassen und deren Position im Raum ermitteln. Jeder Bewegungspunkt enthält Informationen über Makro- sowie Mikrobewegungen – es werden Bewegungen von bis zu 0,1 Millimeter pro Sekunde erfasst. Makrobewegungen liefern Informationen über Haltung und Position des Patienten. Mikrobewegungen entstehen aus schwachen, äusserlich kaum wahrnehmbaren Körperaktivitäten wie etwa Atmung, Herzschlag, Verdauung oder Zittern. 
«Qumea» ist ein Schweizer Healthtech Start-up mit Sitz in Solothurn. Das Jungunternehmen wurde Ende 2019 gegründet – in einem Jahr hat es zusammen mit Fachleuten aus der Pflege und der Medizin sein Produkt von der Idee bis zur Serienreife gebracht. Zentraler Bestandteil ist ein Raumsensor, der kontinuierlich Radiowellen sendet und empfängt. Diese seien hundertmal schwächer als die eines WLAN-Routers. Neben einer Anschubfinanzierung von 1,8 Millionen Franken wurde das Jungunternehmen auch durch die staatliche Innovationsagentur Innosuisse finanziell unterstützt.
Das Radarsystem zur Mobilitätsüberwachung von pflegebedürftigen Personen kommt schweizweit in zehn Institutionen wie Akutspitälern, psychiatrischen Kliniken und Pflegeheimen zum Einsatz – u.a. im Kantonsspital Baselland, im Spital Affoltern und in der Domicil Pflegeheimkette. Im Ausland ist das System in Deutschland, Spanien und Australien in Betrieb. 
Die Universitäre Altersmedizin des Felix Platter Spitals (UAFP) hat das Radarsystem erstmals im Oktober 2020 im Rahmen eines Pilotprojekts bei Delir-Patienten eingesetzt. «Wir haben damit sehr gute Ergebnisse erzielt», sagt Wolfgang Hasemann, Pflegeexperte Advanced Practice Nurse (APN) der UAFP und Leiter des Demenz-Delir-Programms des Unispitals Basel. Im Pilotbetrieb habe sich das System so gut bewährt, dass nun niemand aus dem Team zu alten Lösungen wie Sitzwachen und Klingelmatten zurück möchte. «Das System ist kontaktlos und stellt im Gegensatz zu beispielsweise einer Klingelmatte keine Stolperfalle dar – ein Gewinn für die Sicherheit der oft sehr aktiven Patientinnen und Patienten.»

«Sturzverletzungen können somit reduziert werden»

Dank des Systems von «Qumea» könnten Pflegepersonen rechtzeitig auf Aktivitäten des Patienten reagieren, so Hasemann. Wenn ein sturzgefährdeter Patient aufwacht, aufsitzt oder sich aufrichtet, soll das System denn auch in der Lage sein, die Pflegepersonen zu informieren. «Sturzverletzungen können somit reduziert werden – ohne dass der Patient in seiner Bewegungsabsicht eingeschränkt werden muss», sagt der Pflegeexperte APN. Ähnlich sieht das auch Deborah Leuenberger, die als Pflegeexpertin APN ebenfalls auf der spezialisierten Delir-Abteilung tätig ist: «Es lassen sich leider nicht alle Stürze verhindern. Wenn aber eine Person stürzt, können wir sofort helfen, weil wir sofort alarmiert werden.»
Gemäss des Unternehmens «Qumea» empfängt die eigene Cloud die Bewegungsdaten des Patienten – diese seien anonym und liessen keine Rückschlüsse zu den überwachten Personen zu – und verarbeitet diese mithilfe einer proprietären Künstlichen Intelligenz. Kritische Ereignisse sollen so in Echtzeit erkannt werden. Wenn Hilfe benötigt wird, sollen die Pflegepersonen mit einer App alarmiert werden. Dabei handelt es sich um einen leisen akustischen Alarm, der – ausser von der Pflegeperson – kaum wahrnehmbar ist. Hasemann hält fest: «Die diskreten Warnungen reduzieren so den Geräuschpegel auf der Delir-Abteilung, was das Behandlungskonzept unterstützt.»
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Die Pflegeperson wird via App alarmiert, etwa wenn der Patient aufsitzt oder das Bett verlassen möchte (l.). Die Pflegeperson kann auf der App die Mobilität des Patienten nachverfolgen; es lassen sich verschiedene Überwachungsstufen einstellen (r.).
«Durch ‹Qumea› werden wir vielleicht einmal mehr alarmiert und gehen ins Zimmer, aber wir verbringen dadurch auch mehr Zeit mit den Betroffenen», sagt Leuenberger. Hasemann findet, das System sorge in der Pflege für mehr Nähe zum Patienten und bei den Pflegepersonen für ein grösseres Sicherheitsgefühl, da diese mit der App eine laufende Warnfunktion hätten. «Es lassen sich verschiedene Überwachungsstufen einstellen, die auf den Patienten abgestimmt sind. Bei Visiten lässt sich beispielsweise anschauen, wie die Nacht verlaufen ist – war die betroffene Person z.B. sehr unruhig?»

Und wie hoch sind die Kosten? 

Je nach benötigtem Überwachungsumfang betragen die Kosten für einen Pflegeplatz zwischen 2 und 8 Franken pro Tag, wie das Jungunternehmen auf Anfrage mitteilt. Wird ein Pflegeplatz nicht genutzt oder benötigt der Patient keine Überwachung, so fielen keine Kosten an. 
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