«Es liegt im System, bei der Pflege zu sparen»

Der emeritierte Basler Medizinprofessor Fritz Hefti äussert sich in einem Interview sehr kritisch über das DRG-System.

, 22. Juli 2015, 09:53
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Das System der Fallpauschalen habe nur dazu geführt, dass «alle Spitäler jetzt ausloten, wie man am besten zu Geld kommt». Dies sagt Fritz Hefti in einem grossen Interview mit der «Aargauer Zeitung». 
Fritz Hefti ist emeritierter Ordinarius an der medizinischen Fakultät der Universität Basel und ehemaliger Chefarzt der Kinderorthopädie am UKBB.
Jedes Spital, jeder Arzt habe die Tendenz, möglichst viele risikoarme standardisierte Eingriffe zu machen. Das beurteilt Hefti allerdings kritisch. Und er findet es geradezu unanständig, dass gewisse Spitaldirektionen ihren Ärzten Boni bezahlen, wenn sie mehr solche Patienten bringen.

Sorgt sich weniger um hohe Kosten 

Ihm gehe es aber nicht darum, die Gesundheitskosten zu senken, so Hefti. Er sei Mediziner, nicht Politiker oder Ökonom. «Mir geht es um die Erhaltung der Qualität, die heute noch hervorragend ist».
Geradezu bedenkliche Entwicklungen sieht er beim DRG-System. Dieses führt seiner Ansicht nach dazu, dass Spitäler «dort zu sparen beginnen, wo kein Geld generiert wird».

Wo gespart wird

Auf der anderen Seite werde auch der Verwaltungsapparat immer mehr aufgebläht, weil dort ebenfalls Geld generiert wird. «Wo gespart wird, ist beim Pflegepersonal.» In Deutschland hätten sich die Zahlen hier seit Einführung des DRG-Systems vor 15 Jahren halbiert.
Für Hefti ist es absehbar, dass dies auch in der Schweiz passieren werde. «Es liegt im System, bei der Pflege zu sparen.» Falls dort gespart werde, leide die Qualität der Behandlung massiv, so der 69-Jährige.

«Gewerkschafter auf der Notfallstation»

Oftmals ist die Arbeitszeit bei Ärzten ein Thema: Hefti findet es problematisch, dass oft das Beispiel herangezogen wird wie einem übermüdeten Arzt ein Fehler passiert. 
«Ich würde gerne einmal einen Gewerkschafter auf der Notfallstation mit einer schweren Verletzung sehen und ihn bezüglich der Operation vor die Wahl stellen zwischen einem ausgeschlafenen Assistenten, der kaum Erfahrung hat, und einem erfahrenen leitenden Arzt, der die halbe Nacht gearbeitet hat.»

Wir haben grosse Risiken im System 

Für ihn ist schliesslich klar: «Die wirklich aufwendigen Behandlungen sollen nur noch an den Unispitälern gemacht werden, die erweiterte Grundversorgung kann auch in einem Kantonsspital passieren.» Das sei der einzige Weg, wie im stationären Bereich gleichzeitig Kosten gesenkt und die Qualität verbessert werden könne.
Das System müsse man nicht ändern, um die Qualität zu retten. «Wir müssen uns einfach der Gefahren bewusst sein – dass wir grosse Risiken im System haben und alles daran setzen müssen, um die hohe Qualität in der Schweiz aufrechtzuerhalten», so der frühere Chefarzt für Kinderorthopädie am Universitätskinderspital beider Basel (UKBB).


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