Ein einfacher Weg zu weniger Antibiotika-Verschreibungen

Britische Forscher zeigen: Ein simpler Prospekt hilft, den Antibiotikaeinsatz in Arztpraxen zu senken.

, 24. Februar 2016, 09:34
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Gleich mehrere Studien gehen davon aus, dass die Hälfte der Antibiotika-Verschreibungen unnötig sind. Mit einer Aufklärungskampagne ist es Verhaltensökonomen in Grossbritannien jetzt gelungen, den Antibiotikaverbrauch ausserhalb von Spitälern in kurzer Zeit zu senken.
Dazu suchten die Wissenschaftler zunächst jene 20 Prozent der britischen Arztpraxen auf, in denen die meisten Antibiotika in ihrer Region verschrieben werden. Dann teilten sie die knapp 1’600 Arztpraxen in zwei Gruppen ein.

Ein kleiner «Stups» genügte

Eine Gruppe bekam einen Brief, in dem die Ärzte darüber aufgeklärt wurden, dass sie besonders viele Antibiotika verschreiben. Das sei ein einfacher psychologischen Kniff, berichteten die Forscher im Fachblatt «Lancet» – er rücke die betroffenen Ärzte in eine «Aussenseiterposition». Beigelegt war zudem ein offizieller Brief des britischen Chief Medical Officer.
Und siehe da: Bereits diese einfache Massnahme wirkte. Die Verschreibung der Antibiotika in diesen Praxen sank im Durchschnitt um drei Prozent im Vergleich zu der Kontrollgruppe von Ärzten, die keinen Brief bekommen hatten.

Michael Hallsworth, Tim Chadborn, Anna Sallis, Michael Sanders, Daniel Berry, Felix Greaves, Lara Clements, Sally C. Davies: «Provision of social norm feedback to high prescribers of antibiotics in general practice: a pragmatic national randomised controlled trial», in: «The Lancet». Februar 2016.

Hohes Sparpotential

Auf die fast 800 Praxen gerechnet, waren das in einem halben Jahr bereits über 70’000 Antibiotika-Verschreibungen weniger, schätzen die Verhaltensforscher. Dadurch wären dem Gesundheitssystem umgerechnet fast 140’000 Franken erspart worden – ein Bruchteil der nicht mal 5'000 Franken Druck- und Versandkosten der Prospekte.
Da die Massnahme so gut funktionierte, verschickten die Forscher die Prospekte auch an die andere Hälfte der Arztpraxen, die zunächst nur als Kontrollgruppe gedient hatten. Resultat: Prompt senkten auch sie den Verbrauch.

«Unbelehrbare Patienten»

Deutlich schwieriger war es der Studie zufolge, die Patienten über die Problematik von zu leichtfertig eingenommenen Antibiotika aufzuklären.
Die Forscher teilten dazu die 1’600 Praxen erneut in zwei Gruppen ein. Eine Hälfte bekam Poster und Prospekte zur Patientenaufklärung. Doch nichts geschah, die Verschreibung von Antibiotika blieb gleich.
Die Schlussfolgerung der Forscher um Michael Hallsworth vom Londoner Behavioral Insights Team: Entweder sind die Patienten in dieser Studie unbelehrbar, oder aber bereits so gesättigt mit Informationen über Antibiotika, dass eine Broschüre keinen Unterschied machen kann.
Hattipp: Recherchen für die Gesellschaft «Correctiv.org»
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