Drosten-Vorgänger fordert «Rückkehr zur Normalität für die Jüngsten»

Deutsche Kinder- und Jugendärzte sowie bekannte Virologen und Epidemiologen warnen in einem offenen Brief, Quarantäneregeln dürften nicht zu Schulschliessungen durch die Hintertür führen.

, 12. Januar 2022, 05:45
image
«Kinder und Jugendliche haben einen erheblichen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie geleistet mit gravierenden Nachteilen für sie selbst, unter denen sie noch Jahre leiden werden. Weitere Beschränkungen ihrer Freiheit zum Schutz für Erwachsene sind nicht mehr zu rechtfertigen.» Das steht in einem offenen Brief, in dem sich deutsche Kinder- und Jugendärzte sowie Virologen und Epidemiologen an die Bundesregierung wenden.
Aktuell wird in Deutschland zwar am Präsenzunterricht in den Schulen festgehalten, doch die «reflexartigen Rufe» nach Schul- und Kitaschliessungen würden immer lauter werden, schreiben die Experten im Brief. Darunter befinden sich unter anderem Detlev Krüger, Ex-Chefvirologe der Berliner Charité und Vorgänger von Christian Drosten, der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit und der Epidemiologe Klaus Stöhr.

Krüger und Stöhr äusserten schon früher Kritik

Deutschen Medienberichten zufolge kritisierten Krüger und Stöhr bereits in der Vergangenheit die Corona-Politik und Lockdown-Massnahmen der Regierung. So verfassten die beiden Wissenschaftler im vergangenen Jahr einen offenen Brief, in dem sie «dringend» von der Inzidenz als Pandemie-Massstab abrieten.
Im offenen Brief «Quarantäneregeln dürfen nicht zu Schulschliessungen durch die Hintertür führen», über den verschiedene deutsche Medien jüngst berichtet haben, werden folgende Forderungen gestellt: 
> Anlassbezogene Tests anstatt Quarantäne für gesunde Kinder und Jugendliche als Kontaktpersonen. Für den Bildungsbereich braucht es wissenschaftlich validierte Test-to-stay-Programme, wie sie auch in anderen Ländern genutzt werden. Bei einem positiven Fall testen sich anlassbezogen Kontaktpersonen täglich und dürfen in der Schule bleiben, solange sie negativ getestet sind.
> Eine vorausschauende transparent diskutierte Strategie, die in verschiedenen Szenarien den Übergang von der Pandemie zur Endemie darlegt und insbesondere Kindern und Jugendlichen schnellstmöglich Normalität im Alltag garantiert. 
> Eine sachliche und differenzierte Kommunikation, die Ängsten begegnet und Kinder und Jugendliche nicht weiterhin stigmatisiert. 
> Die Gleichstellung aller Kinder und Jugendlichen mit geimpften und genesenen Erwachsenen. Der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens darf nicht vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht werden.
> Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie müssen auf die Risikogruppen fokussiert werden, nicht auf Kinder und Jugendliche. 
Zwar werde sich Omikron schneller verbreiten und «deswegen auch häufiger in Schulen, Kitas und in Kinderkrankenhäusern – in vielen Fällen als Nebenbefund – zu finden sein», so die Experten. Allerdings gebe es keine Hinweise darauf, dass die neue Mutante für Kinder mit einem höheren gesundheitlichen Risiko verbunden sei. Darüber hinaus würden alle Studien bislang auf ein geringeres Krankheitsrisiko bei der Omikron-Variante hinweisen – insbesondere bei Kindern. 
Die neue Virusvariante, die zwar infektiöser sei, aber allen bisherigen Erkenntnissen zufolge eine deutlich geringere Krankheitslast mit sich bringe, dürfe Kinder und Jugendliche nicht durch unverhältnismässige Quarantänemassnahmen von Bildung und Teilhabe ausschliessen, heisst es im Brief weiter.

Kritik auch an Covid-Kinderimpfung

Die unterzeichnenden Mediziner sind der Meinung, dass eine allgemeine Impfempfehlung für 5- bis 12-Jährige aufgrund einer noch unzureichenden Datenlage bislang nicht vorliege. Da Kinder und Jugendliche wegen ihres geringen Erkrankungsrisikos nur einen marginalen individuellen Nutzen daraus ziehen würden, müsse der Impfung ein eingehendes Beratungsgespräch vorausgehen, um Risiken und Nutzen miteinander abzuwägen – Schulen, Kitas oder auch Zoos seien dafür keine geeigneten Orte.
Schon vor rund zwei Monaten sagte Krüger in einem Interview mit der «Bild»-Zeitung: «Kinder sind keine Pandemietreiber. Das sagt auch das Robert-Koch-Institut. Am wichtigsten ist: Sie erkranken kaum. Und wer von Kindern verlangt, sie sollten sich allein deshalb impfen lassen, damit Corona in der Bevölkerung zurückgedrängt wird, hat nicht verstanden: Auch Geimpfte tragen das Virus weiter. Man sollte die Kinder endlich aus der Schusslinie nehmen.» 
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Zulassung: Ausnahme soll für diese vier Bereiche gelten

Im Falle einer Unterversorgung könnten in der Schweiz bald Ausnahmen von der dreijährigen Tätigkeitspflicht gewährt werden.

image

Lockdown führte auch bei Babys zu Schlafmangel – die Folge: Wutausbrüche

Laut einer neuen Studie der Universität Freiburg beeinträchtigt Schlafmangel bei Kleinkindern deren Verhalten. Die Folgen sind Wutausbrüche oder Unruhe.

image

Ärztlicher Direktor in Littenheid tritt schwieriges Erbe an

Keine einfache Aufgabe für den neuen Ärztlichen Direktor: Nach Satanismus-Vorwürfen steht die Klinik Littenheid unter genauer Beobachtung.

image

Hat die Schweiz mit PCR-Tests Milliarden verschwendet?

In Deutschland wird die Regierung kritisiert, weil sie 6 Milliarden für PCR-Tests ausgegeben hat. Die Schweiz hat rund 2,5 Milliarden bezahlt.

image

Vista weitet ihr Netzwerk ins Berner Oberland aus

Das Augenzentrum Thun gehört seit Montag zum Netzwerk der Vista Augenpraxen und Kliniken. Die Mitarbeitenden werden übernommen.

image

Arzt verweigert Maske in seiner Praxis – Gericht verordnet Geldstrafe

Ein coronaskeptischer Mediziner aus dem Kanton Luzern musste sich am Montag wegen wiederholten Verstössen gegen die Epidemiegesetzgebung vor Gericht verantworten.

Vom gleichen Autor

image

«Ich brauchte nach der Pause mindestens drei Jahre»

Daniela Fürer arbeitete rund eineinhalb Jahre als Intensivpflegefachfrau, dann wurde sie Mutter und machte eine lange Pause – bis zum Wiedereinstieg.

image

Quereinstieg Pflege: Hunger auf beruflichen Neubeginn

Der Rucksack von Annette Gallmann und Peter Kienzle ist gefüllt mit allerhand Arbeits- und Lebenserfahrung. Die 47-jährige Gastronomin und der 52-jährige Art Director machen die Ausbildung HF Pflege.

image

Hat das Stethoskop auf Arztfotos seine Berechtigung?

Ärztinnen und Ärzte werden fast immer mit einem Stethoskop um den Hals abgelichtet. Braucht’s das? Und: Ist das medizinische Diagnoseinstrument überhaupt noch zeitgemäss?