Doktor Suters Gespür für Haut

So lustig kann Dermatologie sein: Hautarzt Doktor Suter hat 1600 berndeutsche Ausdrücke für Hauterscheinungen gesammelt, etwa: «Chrotthut», «ablädere» oder «Gretli».

, 3. Juni 2020, 06:26
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«Chrotthut», es «Mügerli» oder es «Türmli»: Diesen Begriffen ist der mittlerweile 89-jährige Thuner Dermatologe Hans Suter in seiner langen Praxistätigkeit schon unzählige Male begegnet.  

Altersekzeme und Fibrome

Dermatologen würden bei der «Chrotthut» von Pruritus senilis, also einem Altersekzem, sprechen. Das «Mügerli» ist ein Nodulus, eine kleine Geschwulst, und das «Türmli» ein Fibrom, ein hautfarbenes Knötchen, das sich am Hals und unter den Armen bilden kann.
Doch Hans Suter war ein Hautarzt, der seinen Patientinnen und Patienten sehr gut und sehr gerne zuhörte. Aus den Ausdrücken, die er dabei aufschnappte und mit Hilfe weiterer Quellen stellte er eine unterhaltsame Sammlung zusammen. 1600 berndeutsche Ausdrücke für Haut-, Haar- und Nagelerscheinungen hat Hans Suter in den 50 Jahren als Dermatologe gesammelt

14 Bezeichnungen für «Ürscheli»

Erstaunlich ist zum Beispiel: Allein für das Hordeolum, das Gerstenkorn am Augenlid, hat Hans Suter 14 Bezeichnungen gefunden. Es heisst unter anderem «Ürscheli», «Gretli», oder «Nütschi».
Etwas makaber tönt die «Grabblueme», ein brauner Altersfleck. «Viele Hautkrankheiten sehen schlimm aus, oft schlimmer, als sie eigentlich sind», sagt Hans Suter. Er beruhigt zudem: Nur die wenigsten seien übertragbar. Und selbst bei den ansteckenden Hautkrankheiten sei die Infektionsgefahr bei guter Hygiene gering.

«Athletefuess»: Kein Fall für den Orthopäden

Umso lustiger tönen dann die Ausdrücke, welche die Berner Patientinnen und Patienten in Hans Suters Praxis benutzten, um ihre Beschwerden auszudrücken. Schon nur mit der Vorsilbe «ab-» listet der Dermatologe neun Ausdrücke auf, was Menschen mit ihrer Haut anstellen: Etwa «abchnüble» (eine Warze abklauben) oder «ablädere» (die Haut abschürfen).
Schön ist auch der Ausdruck «Athletefuess» - kein Fall für den Orthopäden, sondern ein Fuss, der von Fusspilz befallen ist.

Auch ein Fachmann für Paul Klees Krankheit

Hans Suter führte seine Hautarzt-Praxis in Thun von 1965 bis 2004. Bis 2005 lehrte er ausserdem an der Universitätshautklinik am Berner Inselspital. Er wurde international bekannt mit seinen Forschungen über die menschliche Hornschicht und die Krankheit von Paul Klee. Dieser litt an Sklerodermie. 2006 wurde er ausserdem Ehrendoktor der Medizinischen Fakultät der Universität Bern.
Etwas weniger bekannt, aber nicht minder wichtig war seine experimentelle Studie zum Polyamid-Strumpfekzem, das sich zu häufen begann, als Frau von Baumwoll- und Seidenstrümpfen auf Nylonstrümpfe umstellten.

Auch Kunst ist seine Leidenschaft

Mit Allergietests konnte Hans Suter damals zeigen, dass kaum bei einer Patientin eine Kunststoff-Allergie vorlag, sondern eine Allergie gegen die Farbstoffe in den Strümpfen. Hans Suter persönlich informierte dann die Strumpffabrikanten über seine Erkenntnisse und erreichte, dass dank besserer Färbetechniken die Strumpfallergien praktisch verschwanden.
Doch Hans Suter ist nicht nur Wissenschaftler. Er widmet sich zusammen mit seiner Ehefrau Marlis Suter auch der Kunst und baute mit ihr eine Sammlung von Schweizer Kunst der Klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts auf.
Die 1600 berndeutschen medizinischen Ausdrücke sind zusammen mit einer Sammlung von 60 Berner Kunstwerken in einem Buch erschienen: Hans Suter, Sein Leben, Seine Sammlungen. Werd & Weber Verlag, Fr. 49.-

Wie kommt ein Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten zur Kunst?

Die Verbindung von Haut und Kunst mag auf den ersten Blick seltsam anmuten. Für Hans Suter ist der Zusammenhang augenfällig - im Wortsinn. «Die Dermatologie ist ein visuelles Fachgebiet», sagte er, als ihm 2006 die Ehrendoktorwürde der Universität Bern verliehen wurde. «Wir Hautärzte und Hautärztinnen stellen unsere Diagnosen in erster Linie durch eine gründliche Beobachtung der vorliegenden Hauterscheinungen. Es verwundert daher nicht, dass unter uns verhältnismässig viele an der bildenden Kunst interessiert sind.»Hans Suter diagnostizierte Paul Klees HautkrankheitAn den Bildern Klees lässt sich die Sklerodermie, unter welcher der Maler litt, nicht erkennen. Hans Suter begründet das: «Da Klees Hände glücklicherweise von der Krankheit verschont blieben, konnte er bis zuletzt unbehindert zeichnen und malen. Im Gegensatz zum Beispiel zu Jawlensky, der an einer Polyarthritis litt und in dessen Werken die Krankheit durch die Verkrüppelung der Hände gestalterisch sichtbar wird, trifft dies bei Klee nicht zu.»Doch als Kunstkenner sieht Hans Suter mehr, denn als Dermatologe. Er sagt: «Ein Teil seiner Zeichnungen und Gemälde aus der Krankheitszeit weisen auf Seelenzustände hin, die zweifellos in einen Zusammenhang mit seinem Leiden gebracht werden können. In einigen Porträts lassen sich zudem die für die Systemsklerose typischen starren Gesichtszüge erkennen.»
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