Schweizer Spitäler hinken bei der Digitalisierung hinterher

Wie steht es um die Digitalisierung im Schweizer Spitalwesen? Eine aktuelle Befragung unter Spitalmitarbeitenden gibt Einblicke.

, 26. Januar 2021 um 16:05
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Wie schätzen Spitalprofis an der Front ihre Branche in Sachen Digitalisierung ein? Rund zwei Drittel sehen hier das Spitalwesen im Vergleich zu anderen klar im Hintertreffen. Dies geht aus einer aktuellen Befragung der Unternehmensberater von Synpulse hervor. 
Befragt wurden Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachkräfte, Mitarbeitende aus IT, Unternehmensentwicklung und auch Spitaldirektoren. Insgesamt nahmen über 300 Angestellte im Gesundheitswesen aus 26 verschiedenen Schweizer Spitälern daran teil.
Die Studienautoren können zwar beobachten, dass Spitäler sich vermehrt dem Thema zuwenden. Es bleibe jedoch festzuhalten: Der Rückstand im Bereich Digitalisierung und Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) – gemessen an den Investitionsvolumina – sei immens. Während etwa die Finanzindustrie rund die Hälfte der Bruttoinvestitionen im Jahr 2015 in die ICT getätigt hat, kommt hier der Gesundheitssektor auf nicht einmal 10 Prozent.
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Screenshot Synpulse

Wo Digitalisierungspotentiale liegen

Der Rückstand zeigt sich laut den Verfassern der Studie beispielsweise beim Einsatz mobiler Endgeräte. Dies seien nicht einmal bei einem Drittel der Spitäler im Einsatz. Immerhin gibt bei 12 Prozent der Spitäler eine Mehrheit an, dass der Einsatz zumindest zur Diskussion stünde.
Auch die digitale Begleitung des Patienten über den gesamten Patientenpfad hinweg stecke noch «in den Kinderschuhen», wie die Autoren um Silvan Stüssi und Andreas Wicht von Synpulse weiter feststellen. Die Spitäler konzentrieren sich vor allem auf die Phasen während und nach dem Spitalaufenthalt. Doch es gebe viel mehr Interaktionspunkte mit Digitalisierungspotential.
Die Studie liefert auch gleich mehrere Beispiele dafür: Etwa die Phase vor Eintritt des Patienten ins Spital könnte dadurch optimiert werden, dass erforderliche Aktivitäten, insbesondere administrativer Art, bereits vor Eintritt des Patienten ortsunabhängig erledigt werden können.
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Screenshot Synpulse

Ablösung papierbasierter Strukturen im Fokus

Auch Anwendungen auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) sowie elektronische Entscheidungsunterstützungssysteme finden im klinischen Betrieb offenbar noch wenig Verwendung: So geben lediglich 4 Prozent der Befragten an, dass sie diese im Einsatz haben. Bei weiteren 4 Prozent der Spitäler waren diese zum Zeitpunkt der Befragung (Oktober 2019 bis Januar 2020) in Umsetzung, bei weiteren 12 Prozent zur Diskussion.
Ferner scheint die elektronische Kommunikation mit dem Patienten selbst noch kaum Bedeutung in der Praxis zu haben: So gibt für kein Spital eine Mehrheit der Befragten an, dass bereits digitale Kommunikationsmittel, welche über E-Mail hinausgehen in Verwendung seien. Zum Beispiel: Chat, Video-Telefonie oder ähnliche. Bei immerhin 12 Prozent der Spitäler gibt eine Mehrheit an, dass dies aktuell in Umsetzung sei.
Der Studienreport zeigt darüber hinaus: Die aktuelle Entwicklung in der Digitalisierung scheint sich vorwiegend auf die Ablösung papierbasierter Strukturen zu fokussieren – mit Fokus auf Themen rund um das Krankenhausinformationssystem (KIS) und dem EPD. Telemedizinische Angebote, computerunterstützte Chirurgie und Patientenportale wurden in der Umfrage nur vereinzelt erwähnt. Und Vorhaben, welche die Schnittstelle zum Patienten belegen, scheinen insgesamt über das Stadium interner Diskussionen noch kaum hinaus gekommen zu sein.

  • Studie: Auf dem Weg zum «digitalen Spital». Marktstudie zum Stand der Digitalisierung in der Schweizer Spitallandschaft. Synpulse.

Warum die Digitalisierung nur schleppend voran geht

Gefragt nach den Gründen, weshalb Digitalisierungsvorhaben nicht gestartet oder weiterverfolgt werden, sehen die meisten, nämlich 58 Prozent der Befragten dies tendenziell im «Mangel an geeigneten Personalressourcen». 48 Prozent der Befragten sind ausserdem der Meinung, dass externe Faktoren, wie fehlende Lösungen oder regulatorische Hürden, eine negative Wirkung haben. Unzureichende Budgets sehen dagegen nur rund 40 Prozent der Befragten als ein Hemmnis.
Dabei gibt es aber Unterschiede zwischen den verschiedenen Funktionen: Teilnehmer aus den Bereichen IT und Medizintechnik sowie der Unternehmensentwicklung empfinden den Mangel eines digitalen Mindsets zudem als bedeutender als der Rest: 60 Prozent des befragten IT-und Medizintechnikpersonals und 53 Prozent der Befragten aus der Unternehmensentwicklung sehen dies als einen führenden Hindernisfaktor. Dagegen schätzen dies nur 45 Prozent der restlichen Teilnehmer so ein.
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