Die Liste: Dutzende Behandlungen, die man sich auch sparen könnte

Die Medizinfakultäten von Grossbritannien haben 52 Untersuchungen und Therapien festgemacht, die unnötig sind – oder zumindest begrenzt werden sollten: Viel Inspiration für die harzige Entwicklung in der Schweiz.

, 21. November 2016, 07:18
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Nach den USA und Kanada wurde nun auch in England wurde eine «Choosing Wisely»-Kampagne gestartet: Medizinprofis wie Patienten wird damit entschlossener angeraten, auf gewisse Untersuchungen, Labortests oder Eingriffe zu verzichten.
Die Debatte ist bekannt, auch in der Schweiz: Da einigten sich zum Beispiel die Allgemeinmediziner vor zwei Jahren auf fünf Behandlungen, die es grundsätzlich zu vermeiden gilt; und die SGAIM veröffentlichte dieses Jahr ebenfalls solch eine «Schwarze Liste» mit fünf überflüssigen Spital-Eingriffen
Fünf Stück. Wie weit der Weg hier noch sein könnte, zeigt jetzt die Aktion in England, lanciert von der Academy of Medical Royal Colleges. Die Oberorganisation der britischen Medizin-Fakultäten versammelte Experten von 11 Fachrichtungen – aber auch Vertreter von Patientenorganisationen –, und liess sie einen sehr differenzierten Katalog: insgesamt 52 Untersuchungen und Therapien, die man sich auch sparen (respektive den Patienten ersparen) könnte. Hier eine Auswahl von 20 Beispielen.
Anästhesie und Chirurgie:
  • Wenn die Beratung und Vorbereitung richtig gemacht wird, müssen viele Patienten nicht schon am Vortag ins Spital bestellt werden.
  • Die meisten Patienten benötigen vor kleineren oder auch mittelgrossen operativen Eingriffen keine präoperativen Tests.
  • Bei allen Operationen ist eine Zweitmeinung oder eine Beratung mit einer weiteren Person angebracht, damit jeder Patient beurteilen kann, wie gross die Chancen und Gefahren sind.
Notfallmedizin:
  • Es hilft einem schwer betrunkenen Patienten wenig, wenn ihm mittels Infusion intravenös Flüssigkeit zugeführt wird. Auch trägt dies nicht dazu bei, dass er schneller entlassen werden kann.
  • Kinder mit kleinen Brüchen (Stauchungsfraktur an einer Seite des Handgelenks) benötigen normalerweise keinen Gips. Eine entfernbare Schiene, untermauert mit schriftlicher Information, genügt.
|   Zu allen Vorschlägen: «Choosing Wisely UK» – Recommendations   |
  • Gewisse Verletzungen – beispielsweise Ausrenkungen an Hüfte und Schulter – können mit Sedierung in der Notfallabteilung ausreichend behandelt werden. Eine allgemeine Anästhesie im OP ist nicht nötig.
  • Hahnenwasser ist zur Reinigung von Wunden genauso effektiv wie eine sterile Kochsalzlösung.
Allgemeinmedizin, Innere Medizin:
  • Wenn ein Patient sehr gebrechlich oder am Ende des Lebens ist, sollte die Zahl der Medikamente, sofern es keine klare andere Präferenz des Patienten oder seiner Angehörigen gibt, eingeschränkt werden: nur noch jene, welche zur Kontrolle der Symptome dienen.
  • Seien Sie immer sensibel für die Möglichkeit der Demenz bei einem einzelnen Patienten. Aber screenen Sie nicht ganze Patientengruppen.
  • Ziehen Sie medikamentöse Blutsenkungs-Behandlungen zur Vorbeugung von Herzkrankheiten oder Hirnschlägen nur in Betracht, wenn der Blutdruck konstant über 140-159/90-99 ist und der Patient zusätzliche Risikofaktoren aufweist.
Gynäkologie und Geburtshilfe:
  • Aspirin ist nicht empfohlen als Methode zur Thromboseprophylaxe bei schwangeren Frauen, also um die Gefahr zu senken, dass sich Blutgerinnsel entwickeln.
  • Sofern die Mutter nicht Diabetes hat, sollten Ultraschalluntersuchungen nicht zur Prüfung verwendet werden, ob das Baby grösser als normal ist.
  • Eine einfache Ovarialzyste mit einem Durchmesser unter 5 Zentimetern muss bei einer Frau vor der Menopause nicht weiterverfolgt werden.
Opthalmologie:
  • Überprüfen Sie unkomplizierte Katarakt-Fälle nicht am ersten Tag nach der Operation.
  • Wenn eine Bindehautentzündung vermutlich viral ist, muss man keine Proben ins Labor schicken und auch keine Antibiotika einsetzen.
Radiologie:
  • Bei fortgeschrittenem Krebs ist der Einsatz von Chemotherapie wahrscheinlich nicht nützlich, kann sogar schaden und sollte aufs Minimum gesenkt werden.
  • Unkomplizierte Rückenschmerzen, die nicht mit Red-Flag-Signalen oder Radikulopathie in Verbindung stehen, benötigen keine Bildgebung.
  • In Fällen von kleineren Kopfverletzungen ist Bildgebung wahrscheinlich nicht nützlich.
Man sieht: Viele Punkte dienen auch zur Erinnerung, wenn nicht gar Ermahnung. So lässt der Katalog auch spüren, dass Behandlungen, die recht offensichtlich selten nützlich sind sind, offenbar noch gängig sind (wobei sich die Royal Collages gern eines britisch-ironischen Tones befleissigen, um das Problem zu benennen).

Die Hemmungen in der Schweiz

Insbesondere bekommt man hier eine Ahnung, wie eine ausführlichere Liste als die «5 Punkte» der Schweizer Allgemeinpraktiker und Internisten aussehen könnte. Und man sieht, wohin die «Schwarze Liste» bei den Spezialärzten gehen könnte.
Denn dort lief bekanntlich bislang wenig. Zu Jahresbeginn hatte die Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW das Thema aufgebracht und die Passivität der Spezialisten moniert. «Da haben vielleicht die ärztlichen Fachgesellschaften ihre Hausaufgaben nicht gemacht», stellte Hermann Amstad von der SAMW fest.
Die Akademie wollte wissen, warum die Spezialisten nichts unternommen haben, und startete eine Umfrage. Heraus kamen drei Gründe:
  • Die Erstellung einer schwarzen Liste ist mit einem gewissen Aufwand verbunden.
  • Womöglich bestehen gewisse Ängste, wie Patienten auf eine solche Liste reagieren.
  • Womöglich besteht eine Angst bezüglich Einkommenseinbussen.
Die SAMW, so wurde damals bekannt, wollte die Spezialärzte überzeugen und riet ihnen zu prüfen, ob sie analoge Listen aus den USA übernehmen könnten.
Und jetzt kann man sagen: Vielleicht auch aus Grossbritannien.

 

«Mehr ist nicht immer besser»: Spot gegen medizinische Überversorgung in Kanada


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