Der Preis für den Stress: Spitzenpolitiker leben signifikant kürzer

Eine hochseriöse Studie zeigt auf, dass Premierminister und Staatsoberhäupter eher früher sterben. Übrigens: Eine andere, ebenso seriöse Medizinstudie widmet sich Bob Dylan.

, 17. Dezember 2015 um 14:00
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Das «British Medical Journal» ist eine der angesehensten Fachzeitschriften der Welt, doch sie ist auch, wie der Name schon sagt, very british. 
Und folglich bringt das BMJ in der Weihnachtsausgabe gern Beiträge, die von Nicht-Briten wohl als eher spleenig empfunden werden.
In der diesjährigen Nummer, soeben erschienen, erfährt das medizinisch interessierte Publikum zum Beispiel etwas über die Gefahren von Zombie-Infektionen, über das Verhältnis von Schnauzträgern zu Frauen an der Spitze von wichtigen medizinischen Institutionen (19 Prozent zu 13 Prozent) oder über die Präsenz von Bob-Dylan-Songs in medizinischen Fachbeiträgen (siehe unten). Methodisch sind die Arbeiten allesamt durchaus seriös und auch ernst gemeint.

Konservative leben länger

Ein bemerkenswerte Studie in der Weihnachtsausgabe bietet nun Erkenntnisse über das Mortalitätsrisiko beziehungsweise die Lebenserwartung von Staats- und Regierungschefs; die Daten wurden erarbeitet von Wissenschaftlern der Harvard Medical School und des Massachusetts General Hospital.
Das Fazit dabei: Wer es ins höchste Amt schafft, riskiert einen früheren Tod.
Ausgangslage war, dass Politiker eigentlich durchaus gesünder leben: Eine Studie fand heraus, dass die Mitglieder des britischen Unterhauses und des House of Lords eine um 37 Prozent tiefere Mortalitätsrate haben als die Durchschnittsbevölkerung (und dies, obwohl insbesondere die Lords ja nicht unbedingt die Jüngsten sind). Interessanterweise erwies sich die Überlebensrate der konservativen Tories als höher denn die der Labour-Vertreter, was zur Vermutung Anlass gibt, dass der medizinische Segen eines hohen sozioökonomischen Status' sogar bis auf die Parlamentsbänke durchdrückt.

Andrew R. Olenski, Matthew V. Abola, Anupam B. Jena: «Observational study comparing mortality between elected leaders and runners-up in national elections of 17 countries», in: BMJ, Dezember 2015.

Jetzt untersuchte das Team um Professor Anupam B. Jena insgesamt 279 Premiers und Präsidenten aus 17 Ländern und verglich sie mit Kandidaten, die ihnen bei den Wahlen beziehungsweise im Kampf um die Macht unterlegen waren; die Zeitspanne umfasste 1722 bis 2015.
Bei jedem Politiker stellten die Forscher die verbleibenden Lebensjahre nach Amtsantritt (beziehungsweise eben dem gescheiterten Versuch dazu) ins Verhältnis zur den Durchschnittswerten von Menschen gleichen Alters und Geschlechts.

Oberhäupter altern rascher

Nach allen Abgleichungen zeigte sich, dass jene Politiker, die es ins höchste Amt schafften, 2,7 Jahre kürzer lebten als ihre Konkurrenten, und dass sie eine um 23 Prozent höheres Mortalitätsrisiko hatten.
Die Wissenschaftler betonen zwar, dass ihre Studie noch ihre Grenzen hat, sie wagen aber doch das Urteil, dass «Regierungsschef verglichen mit ihren zweitplatzierten Konkurrenten eine substanziell erhöhte Mortalitätsrate haben». Sie vermuten, dass «gewählte Oberhäupter in der Tat rascher altern könnten».
Richtig fruchtbar würden die Ergebnisse allerdings erst nach einigen Folgestudien, die wir hiermit für die BMJ-Weihnachtsausgabe 2016 anregen: Zu erforschen wäre etwa der bei gewissen Regierungschefs feststellbare konträre Einfluss eines massiven Tabak-Missbrauchs (sog. Helmut-Schmidt-Effekt) beziehungsweise von intensiver Verwendung harter Alkoholika wie Gin und Whisky (Churchill-Effekt).

Knock, knock: Bob Dylan in der medizinischen Fachliteratur

Zu den Erkenntnissen, die uns das BMJ in diesen Tagen bietet, gehört auch eine Auswertung der Bob-Dylan-Zitate in biomedizinischen Fachartikeln der letzten fünf Jahrzehnte. Der musikalische Experte aus Minnesota wird offenbar seit 1990 exponentiell steigend zu Rate gezogen.
Die Forscher des renommierten Karolinska Institutet in Stockholm fanden insgesamt 213 Dylan-Zitate, die zwischen 1970 und 2015 in medizinischen Fachjournalen erschienen waren. Bereits 1970, also acht Jahre nach Dylans erster Veröffentlichung, schaffte es ein erster Satz in das «Journal of Practical Nursing».
Die Zeiten ändern sich
Doch erst ab den Neunzigerjahren erfolgte ein signifikanter Anstieg, wobei sich bis heute «The Times They Are A-Changing» mit Zitierungen in 135 Artikeln und «Blowin’ in the Wind» mit 36 Nennungen als fruchtbarste Songs erweisen. 
Pietätvoller Weise wird also «Knockin’ On Heaven’s Door» eher selten für die medizinische Fachpublizistik verwendet.
Die Autoren um Carl Gornitzki stellen übrigens auch fest, dass der Respekt gegenseitig ist, singt Dylan doch selber einmal: «I wish I’d have been a doctor / Maybe I’d have saved some life that had been lost / Maybe I’d have done some good in the world / ‘Stead of burning every bridge I crossed.» («Don’t Fall Apart On Me Tonight»)


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