«Der Begriff Notfall wird immer mehr gedehnt»

Was tun gegen den Run auf die Notfallstationen? Am Kantonsspital Aarau spricht sich der zuständige Chefarzt Ulrich Bürgi gegen Notfallpauschalen aus. Und er verweist auf ein Spezialproblem – die Mehrfachkonsultationen.

, 5. Mai 2017, 08:49
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Der Fall ist schweizweit bekannt – im Aargau sieht er konkret etwa so aus: Im Jahr 1991 betreute die Notfallstation des Kantonsspitals Aarau 11’000 Patienten, letztes Jahr waren es 46'600 Fälle. Eine Vervierfachung in einem Vierteljahrhundert.
«Der Begriff Notfall wird immer mehr gedehnt», erklärt Ulrich Bürgi dazu. In einem grossen Interview mit der «Aargauer Zeitung» versucht der KSA-Chefarzt und Bereichsleiter Notfallmedizin Lösungen zu skizzieren zum ungebrochenen Trend auf die Notfall-Abteilungen. Im Hintergrund stehe nicht nur das Bevölkerungswachstum, sondern auch, dass man allgemein mehr Wert auf die Gesundheit lege. Zudem seien viele Leute verängstigt, weil sie im Internet über Krankheiten lesen.

Parallel bei fünf Institutionen

Ferner legt Bürgi seinen Finger auf ein noch wenig diskutiertes Phänomen: Nämlich dass viele Leute wegen demselben Problem mehrere Ärzte aufsuchen – und darunter eben auch den Notfall.
«Es darf nicht sein, dass ein Patient am Morgen wegen seiner Ohrenschmerzen den Ohrenarzt aufsucht und am Nachmittag in der Notaufnahme steht, weil er sich absichern will, ob die Diagnose des Ohrenarztes richtig war.» Solche Mehrfachkonsultationen seien keineswegs Einzelfälle, sondern «ein grosses Problem».
Er könne sich vorstellen, so Bürgi in der AZ, «dass sich bis zu einem Fünftel der Patienten an mehreren Orten behandeln lassen, in einigen Fällen parallel bei bis zu fünf Institutionen. Weil wir davon nichts wissen, wiederholen wir Untersuche, die nicht ein weiteres Mal nötig wären.»

«Das Eintreiben wäre sehr schwierig»

Was tun? Notfallpauschalen lehnt der KSA-Notfallchef ab: Sie seien kaum praktikabel. «Sie können sich gerne einen Tag lang hier vor den Notfall stellen und versuchen, 100 Franken einzukassieren. Da müsste ich Ihnen einen Securitas-Mitarbeiter zur Seite stellen. Das Eintreiben wäre sehr schwierig und mit Aggressionen verbunden. Unsere Mitarbeiter hätten keine Zeit dafür, sie müssen die Leute behandeln.»
Zudem würde man damit womöglich Patienten abschrecken, die tatsächlich ins Spital gehören. Obendrein bestehe ja keine gesetzliche Grundlage.

Patienten sollten mehr an Kosten zahlen

Dass der Hebel beim Portemonnaie liegt, denkt allerdings auch Ulrich Bürgi: «Selbstbehalt und Franchise müssten erhöht werden. Die Patienten sollten mehr an die Kosten zahlen.»
Und allgemein müsste sich die Bevölkerung wieder stärker bewusst werden, dass eine Krankenkassenprämie keine Vorauszahlung ist, um unbeschränkt Leistungen zu konsumieren – sondern eine Risikoversicherung.
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