Studie: Das «soziale Dilemma» bei der Antibiotika-Einnahme

Die Zunahme von Antibiotika-resistenten Keimen ist eines der grössten globalen Probleme im Gesundheitssektor. Nun hat ein Forscher-Team den psychischen Faktor bei der Einnahme des Medikaments untersucht.

, 1. März 2022, 06:05
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Antibiotika haben seit ihrer Entdeckung im Jahr 1928 Millionen von Menschen das Leben gerettet. Das Problem: Weil das Medikament in der Massentierhaltung in den Einsatz kommt und es missbräuchlich oder übermässig konsumiert wird, nimmt die Entwicklung antibiotikaresistenter Keime stetig zu. Diese Tatsache stellt inzwischen eines der grössten globalen Probleme im Gesundheitssektor dar. 
Wie die Universität Erfurt in ihrer Medienmitteilung schreibt, stehen jeder Antibiotika-Einnahme 

  • der persönlichen Nutzen (die Bekämpfung einer leichten bakteriellen Infektion) und
  • der kollektive Nutzen (die Aufrechterhaltung der Wirksamkeit von Antibiotika)

gegenüber. Dieses soziale Dilemma haben Forscherinnen und Forscher der Erfurter Uni in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt mit den Universitäten Wien und Kopenhagen nun genauer untersucht. Dafür wurde ein neues Verhaltensspiel entwickelt, in dem auch die Rolle sozialer Informationen bei der Antibiotika-Einnahme erforscht werden kann.

Das soziale Dilemma

Der Studie liegt die Annahme zugrunde, dass sich die Menschen bei ihrer Entscheidung für eine Antibiotika-Einnahme häufig nicht bewusst sind, dass in der Folge ihres Verhaltens die Antibiotikaresistenz zunehmen kann und sie damit der Gemeinschaft potenziell schaden können. 
Zudem fehle es in der Regel an Informationen darüber, in welchen Fällen andere Patientinnen und Patienten Antibiotika einnehmen, heisst es weiter. 
«Solche sozialen Informationen könnten jedoch den übermässigen Einsatz von Antibiotika reduzieren» – so die These Wissenschaftler –, «und zwar indem sie Unsicherheiten verringern, die sozialen Folgen des Handelns verdeutlichen und das Vertrauen untereinander stärken, dass jeder sich darum bemüht, die Wirksamkeit von Antibiotika zu schützen».
Um die Fragen zu beantworten, ob Antibiotika auch dann übermässig verwendet werden, wenn das zugrundeliegende soziale Dilemma bekannt ist, und ob die Entscheidung, ein Antibiotikum einzunehmen, tatsächlich durch soziale Informationen beeinflusst wird, führten die Forscher ein Laborexperiment mit mehr als 270 Teilnehmenden durch. 

Verhaltensspiel bringt Erkenntnisse

Dabei kam das zuvor neu entwickelte Verhaltensspiel* «I-Resist» zum Einsatz. In über zehn Runden spielten jeweils zwei Personen miteinander. Pro Runde hatten sie 60 Sekunden Zeit, um bestimmte Aufgaben zu lösen. Für jede abgeschlossene Aufgabe erhielten sie 0,20 Euro. In jeder Runde «erkrankten» die Spieler an einer leichten oder schweren Krankheit. 
Eine leichte Krankheit reduzierte ihre verfügbare Zeit zur Lösung der Aufgaben um 50 Sekunden, eine schwere um die ganzen 60 Sekunden. Mit der Einnahme eines Medikaments konnte die gesamte Zeit wiederhergestellt werden und damit mehr Geld verdient werden. Nach zehnmaliger Einnahme innerhalb eines Spiels verlor das Medikament jedoch seine Wirksamkeit.
Die Probandinnen und Probanden führten das Spiel unter zwei verschiedenen experimentellen Bedingungen durch: ohne soziale Informationen oder mit sozialen Informationen. Bei Letzterem erhielten sie nach jeder Runde eine Rückmeldung über den Schweregrad der Krankheit des anderen Spielers und dessen Einnahme-Entscheidung. Sie wussten aber auch, dass der andere Spieler die gleichen Informationen über sie erhält.
Das «erstaunliche», wie die Universität Leipzig, Ergebnis der Wissenschaftler: 

«Selbst wenn sich die Studienteilnehmenden des sozialen Dilemmas bewusst waren, ging mit der Antibiotika-Einnahme eher eine egoistisch motivierte Überversorgung mit dem Medikament einher. Wussten die Personen jedoch gegenseitig über ihre Medikamenteneinnahme Bescheid, ging die übermässige Nutzung zurück.»

Universität Erfurt
Daraus schliessen die Forscher, dass Personen eher einen sozialen Vertrag – im Sinne einer eingeschränkten Medikamenteneinnahme zum Wohl der Gesellschaft – eingehen, wenn sie ihre Einnahmeentscheidungen miteinander teilen. 
Das Vorhandensein sozialer Informationen könne also dazu beitragen, Vertrauen und das Gefühl von Fairness zu erhöhen und zur Steigerung des gemeinsamen Nutzens zu motivieren. 
Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt, schliesst daraus: 
«Aus diesen Studienergebnissen resultiert die Empfehlung, dass die Aufklärung über Resistenzbildung für politische Gesundheitskampagnen zwar wichtig ist, wir aber auch eine gesellschaftliche Vereinbarung brauchen.»  Jeder und jede einzelne Person müsse dazu beitragen, Antibiotika nicht zu verschwenden. «Erkrankte sollten, wenn nicht dringend medizinisch angeordnet, auf deren Einnahme verzichten.»
Die Studie Behavioral determinants of antibiotic resistance: The role of social information wurde im wissenschaftlichen Magazin Applied Psychology: Health and Well-Being veröffentlicht. 
*Verhaltensspiele sind vereinfachte, aber präzise Abstraktionen von sozialen Situationen, in denen Entscheidungen – anders als in Gedankenexperimenten – echte Konsequenzen haben.

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Forschung: Diese Naturstoffe könnten als Antibiotika dienen
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