Christoph Berger über das Impfen von Schwangeren

Covid-19: Kürzlich hat das BAG eine neue Impfempfehlung für Schwangere ausgesprochen. Jetzt nimmt der EKIF-Präsident im Interview gegenüber Medinside Stellung.

, 3. Februar 2021 um 15:00
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Herr Berger, bis vor Kurzem sah die Impfstrategie des Bundes vor, dass besonders gefährdete Personen als allererstes geimpft werden sollen – mit Ausnahme von Schwangeren. Jetzt hat der Bund eine neue Impfempfehlung herausgegeben. Schwangere mit Vorerkrankungen dürfen geimpft werden. Woher der Sinneswandel?

Wir haben nie gesagt, dass Schwangere nicht geimpft werden dürfen. Wir haben keine Impfempfehlung herausgegeben, weil uns noch keine Daten von Studien bei Schwangeren vorliegen. Die zweite Impfempfehlung ist nach einem intensiven Austausch mit der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), die uns kontaktiert hat, entstanden.

Bis konkrete Ergebnisse zu Nebenwirkungen bei Schwangeren vorliegen, wird es Frühling …

Das ist richtig. Hat eine schwangere Frau eine Vorerkrankung kann eine Covid-Erkrankung jedoch gefährlich sein. In den USA werden zunehmend Schwangere im Rahmen einer Studie mit den mRNA-Impfstoffen von Pfizer/Biontech oder Moderna geimpft. In der Schweiz sind wir der Meinung, dass eine schwangere Frau mit einer Vorerkrankung gemeinsam mit der Gynäkologin abwägen muss, welcher Faktor das höhere Risiko birgt: Die Impfung mit wenig Daten oder das relevante Risiko, während der Schwangerschaft an Covid zu erkranken. Wichtig dabei ist, dass die Patientin gut informiert und aufgeklärt wird. Zudem braucht es für die Impfung ein dokumentiertes Einverständnis der Schwangeren. Und: Um die Daten zu sammeln, dokumentiert die Gynäkologin den Schwangerschaftsverlauf der geimpften Frau und die Gesundheit des Kindes.

Der Entscheid für eine Impfung ist dennoch bestimmt kein leichter …

Wenn die Schwangere eine Grunderkrankung hat und ein höheres Risiko für Covid, ist das auch nicht gut für sie und das Kind. Aber wie gesagt, man muss es abwägen können. Bei den Covid-19-Impfstoffen von Pfizer/Biontech sowie Modernea handelt es sich um mRNA-Impfstoffe. Das sind Totimpfstoffe. Tot-Impfimpfstoffe sind in der Schwangerschaft effektiv. Darüber existieren gute Daten: Impfungen gegen Tetanus, Keuchhusten oder das Grippevirus sind in der Schwangerschaft für Frau und Kind unbedenklich. Den Analogieschluss kann man für den Covid-Impfstoff machen. Dass es noch keine Daten dazu gibt, das kann man weder wegreden noch verstecken.

Etwas salopp gefragt: Werden schwangere Frauen und ihre ungeborenen Kinder etwa zu Versuchskaninchen?

So würde ich das nicht ausdrücken. Ich bin kein Frauenarzt. Doch in dieser Rolle würde ich niemals eine Schwangere dazu überreden, eine Impfung zu machen. Ich würde wie erwähnt mit ihr reden und eine Abschätzung mit der Patientin machen. Dadurch wird sie nicht zum Versuchskaninchen. Will sie diese Impfung, ist es sinnvoll, diese Daten für eine Auswertung zu verwenden und weiterzugeben. Sollten die Zweifel der Schwangeren überwiegen, muss man dies respektieren. Eine Impfung unter Druck darf auf keinen Fall passieren.

Sollte es zu einem Impfschaden kommen – wer übernimmt die Verantwortung? Die Schwangere, weil sie eine Einverständniserklärung abgelegt hat?

Das tut sie nicht. Wenn durch einen vom Bund beschafften, zugelassenen und empfohlenen Impfstoff Schäden auftreten, folgt die Haftpflicht primär den üblichen Haftungsregelungen, wie sie bei jedem anderen Arzneimittel beziehungsweise beim Impfstoff gelten. 

Wie wirkt sich eine mRNA-Impfung auf das ungeborene Kind aus?

Der Impfstoff geht nicht ins Blut. Er wird mit der Nadel im Muskel deponiert, wo er grössten Teils bleibt. Damit die mRNA von einer Muskelzelle aufgenommen wird, muss sie in eine Cholesterin-Hülle gepackt werden. In der Zelle löst sich die Hülle auf, die mRNA geht zur Eiweissfabrik der Zelle, den Ribosomen, und leitet diese zum Bau der sogenannten Spike-Proteinen an, was eine Immunreaktion zur Folge hat. Man geht davon aus, dass nur geringste Spuren, wenn überhaupt, auf das Kind übertragen werden. Sollte es trotzdem dazu kommen, würde in der Zelle des Kindes das Corona-Spike-Protein produziert und je nach Reife beim Kind ein grössere oder schwächere Immunrektion auslösen.

Nach der Geburt können die Antikörper im Blut gemessen werden …

Die Antikörper sind nebst den richtigen Massen und der Entwicklung des Kindes das einzig messbare. Ob die Antikörper von der Mutter auf das Kind übertragen wurden, oder ob sie vom Kind selbst gebildet wurden – es wird schwierig, dies auseinander zu halten.

Was sind die Folgen für das Kind, sollte die Schwangere an Covid erkranken?

Die Effekte auf das ungeborene Kind sind sehr umstritten und in meinen Augen minimal. Bis jetzt sind auch keine vermehrten Fehlbildungen nach einer Schwangerschaft mit Covid bekannt. Es gibt spärliche Hinweise, ob eine Covid-Erkrankung während der Schwangerschaft mehr als bei andern Infektionen zu einem Abort führen kann. Und: Es gibt sehr wenig Neugeborene von Müttern, die Covid positiv sind, und deswegen schwer krank werden. Betrachtet man die Zahlen, kann man sagen, dass Covid den Neugeborenen nicht viel macht. Sie können leichte Symptome wie zum Beispiel Fieber haben.

Ein anderes Thema: Sind Impfungen bei Schwangeren nicht unethisch?

Ich finde Impfungen bei Schwangeren nicht unethisch. Mit den Tetanus-, Keuchhusten- und Grippe-Impfungen hat man gute Erfahrungen gemacht. Die WHO propagiert seit über 30 Jahren, dass die Impfung gegen Tetanus auch in der Schwangerschaft verabreicht werden soll. Das hat dazu geführt, dass der Neugeborenen-Tetanus stark zurückgegangen ist. Auch beim Keuchhusten kann man in der Schwangerschaft impfen. Das hat den Vorteil, dass das Kind in den ersten zwei Monaten seines Lebens geschützt ist. Neugeborene kann man erst ab dem zweiten Monat impfen. Ebenso eindrücklich sind die Daten hinsichtlich der Grippe-Impfung.

Konkret?

Erstens: In jeder Grippe-Pandemie gibt es eine Übersterblichkeit bei schwangeren Frauen. Zweitens: Schwangere Frauen werden öfter und schwerer krank als nicht schwangere Frauen im gleichen Alter. Mit einer Impfung kann man das Risiko für die Mutter senken. Man weiss inzwischen auch, dass es bei einer Schwangeren, die an einer schweren Grippe erkrankt ist, eher zu einer Frühgeburt kommen kann. Drittens: Kinder werden am häufigsten in ihrem ersten Lebensjahr wegen einer Grippe hospitalisiert, die wenigsten sind von geimpften Müttern.

Trotzdem: Die Mutter entscheidet in ihrem Sinne für das Kind – das ist doch unethisch.

Das macht sie - und eigentlich praktisch immer im Sinne ihres Kindes. Das tut sie aber bei einem Säugling genau gleich. Der kann nach der Geburt auch noch nichts sagen. 

Kinder werden noch nicht geimpft, ändert die aktuelle Studie aus Genf dies nun?

Die Covid-Impfung wird bei Kindern noch kommen; sie gehören aber im Moment nicht zur Zielgruppe. Das liegt daran, dass Kinder von diesem Virus nicht schwer krank werden. Hinzu kommt, dass die Impfung zwar vor der Krankheit schützt. Ob sie die Virusausbreitung verlangsamt oder vermindert, ist noch ungewiss. Sollte dies der Fall sein, ist es wichtig, die Kinder zu impfen. Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Impfstrategie des Bundes wie gehabt durchgeführt. 
Informationen zu den gesetzlichen Grundlagen betreffend die Haftung bei Impfschäden finden Sie hier

Zur Person:

Christoph Berger ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. In seiner Funktion berät er das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Zudem ist der 58-jährige Kinderarzt Leiter Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital Zürich.

Lesen Sie weiter zum Thema:

Covid 19: Schwangere dürfen sich nun doch impfen lassen
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