Darum taugt die Schweiz nicht für Impfstoff-Studien

Die Schweiz ist ein schlechter Ort für das Testen von Covid-19-Impfungen. Es gibt zu wenig Infizierte.

, 4. August 2020, 09:18
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Für Dimas Cova war es schier unglaublich: «In fünf Tagen hat sich fast eine Million Menschen beworben», sagte der Wissenschaftler in einem Interview mit der brasilianischen Zeitung «Epoca». Die Bewerber sind alle bereit, einen Covid-19-Impfstoff des chinesischen Herstellers Sinovac testen.

Wirksamkeit unsicher, Nebenwirkungen unbekannt

Dimas Cova ist der Direktor des Instituto Butantan, eines biomedizinischen Forschungszentrum in São Paulo, das vor allem Schlangengifte und Impfstoffe untersucht. Er hat festgestellt: «Jeder möchte den Impfstoff haben, auch wenn dieser noch nicht zugelassen wurde. Die Angst der Menschen ist sehr gross.»
In der Schweiz wäre die Motivation der Bevölkerung, sich als freiwillige Testpersonen zu melden wohl weit geringer als in Brasilien. Die Wirksamkeit des Impfstoffes ist unsicher und allfällige Nebenwirkungen sind unbekannt.

Infektionsgefahr in der Schweiz ist zu gering

Doch auch aus einem anderen Grund würden die Impfstoffhersteller für ihre grossen Tests nicht ausgerechnet die Schweiz auswählen: Es gibt zu wenig Infizierte. Und das verlängert die Studiendauer. Denn ein Teil der Testpersonen - im Fall des Instituto Butantan sind es 9000 - müssen sich mit dem Corona-Virus infizieren, damit sich zeigen lässt, ob die Impfung etwas taugt.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in Brasilien Testpersonen infizieren, ist weit höher als in der Schweiz. Das Land hat neben den USA und weiteren lateinamerikanischen Ländern derzeit eine der grössten Infektionsraten.

Menschen als «Laborratten» missbraucht?

Kritiker beklagen jedoch, dass Lateinamerika nun das Testlabor der grossen Pharmafirmen sei und die Bewohner als «Laborratten» dienen müssten. Handkehrum hat das Instituto Butantan einen guten Ruf und ist in der Lage, die Testpersonen gut zu betreuen.
Dimas Cova stellt in Aussicht, dass bis September alle 9000 ausgewählten Testpersonen geimpft sein sollen. Ein Teil von ihnen erhält den Test-Impfstoff, der andere Teil eine Impfung ohne Wirkstoff.

Bereits Anfang Jahr ein Impfstoff?

Im Herbst beginnt dann die entscheidende Phase: Die Testpersonen werden regelmässig untersucht, damit die Forscher die Wirksamkeit des Impfstoffs und allfällige Nebenwirkungen erfassen können. Dimas Cova rechnet damit, dass diese Untersuchungen im besten Fall bis Ende Jahr dauern und der Impfstoff bereits Anfang nächsten Jahres bereit wäre.
In der Schweiz könnte kaum so optimistisch gerechnet werden. Denn wie lang die Tests dauern, hängt unter anderem davon ab, wie schnell und häufig die Testpersonen mit Infizierten in Kontakt kommen. Die Schweiz hat in diesem Fall im Vergleich zu Brasilien keine guten Karten - so gut sie in anderen Fällen als bevorzugter Forschungsstandort gilt.
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