Berliner Psychologe lobt Helsana für ihren Mut

In Deutschland wagt sich keine Krankenversicherung, gewisse Krebs-Früherkennungs-Tests in Frage zu stellen. Doch Helsana in der Schweiz macht es, lobt ein deutscher Risikoforscher.

, 5. Februar 2020, 06:30
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«Was ist der tatsächliche Nutzen des Mammographie-Screenings und wie gross der mögliche Schaden?» Diese Frage wirft die Krankenversicherung Helsana auf ihrer Website auf – und scheut nicht davor zurück, zu schreiben, dass diese Screenings nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nur mässig nützlich seien: «Die Zahl der insgesamt an Krebs verstorbenen Frauen war in den Gruppen mit und ohne Mammografie-Screening identisch.»
Auch zur Früherkennung von Prostatakrebs lesen die Versicherten Klartext: «Die Auswertung der wissenschaftlichen Studien zeigt, dass das PSA-Screening – PSA steht für prostataspezifisches Antigen - die Zahl der in elf Jahren an Prostatakrebs verstorbenen Männern nicht zu senken vermochte.

Will die Helsana damit Kosten sparen?

Sind solche Informationen auf der Helsana-Website eine Sparmassnahme bei den Vorsorgeuntersuchungen? Es gehe nicht um den Leistungskatalog der Grundversicherung, kommentiert Helsana-Direktor Daniel H. Schmutz die Informationen. Beim Brustkrebs-Screening solle jede Frau selbst entscheiden. «Ein solcher Entscheid soll aber möglichst im Wissen aller Vor- und Nachteile gefällt werden.»
Die Versicherung lässt denn auch die St. Galler SP-Regierungsrätin Heidi Hanselmann zu Wort kommen, die diese Vorsorge als sinnvoll und wichtig erachtet. Helsana zitiert aber auch den Berliner Psychologen Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut, der findet: «Eine Mammografie verunsichert die Patientinnen mehr, als dass sie Leben rettet.»

In Deutschland trauen sich die Versicherer nicht

Dass die Helsana solche Widersprüche auf ihrer Website aufzeigt, lobte Gerd Gigerenzer kürzlich gegenüber dem «Migros-Magazin» ausdrücklich: «In Deutschland gibt es keinen einzigen Krankenversicherer, der sich das getraut.»
Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er beschäftigt sich mit Entscheidungsforschung. Das Zentrum entwickelt unter anderem so genannte Faktenboxen zu Gesundheitsthemen, die sich an die Bevölkerung, aber auch an Ärzte richten. Die Faktenboxen zeigen mit Zahlen und Grafiken die Vor- und Nachteile bestimmter medizinischer Massnahmen. Ziel ist es, dass jede Person selber entscheiden kann, ob sie sich einem Test oder einer Behandlung unterziehen möchte oder nicht.

Ärzte raten manchmal nicht das, was sie das Beste finden

Gigerenzer kritisiert, wie manche Ärzte ihre Patienten beraten: «Ein Arzt in den USA muss mit Millionenklagen rechnen, wenn er einen Fehler macht. Also rät er dem Patienten nicht das, was er für das Beste hält, sondern das, was ihm sicher keine Klage einträgt – diese defensive Strategie verfolgen übrigens auch 40 Prozent der Schweizer Ärzte, obwohl die Gesetzeslage hier ganz anders ist.»
Auch falsche finanzielle Anreize tragen laut Gigerenzer in der Schweiz dazu bei, dass Ärzte unnötige Früherkennungstests empfehlen. Grundsätzlich seien die Schweizer in der Medizin aber recht faktenorientiert und weniger ängstlich als die Deutschen. Er habe den Eindruck, dass man in der Schweiz eher bereit sei, Fakten ernst zu nehmen und auf dieser Basis zu diskutieren.
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