Achtung: Dieses Bett ist wohl gefährlicher als gedacht

Frage: Wie gross ist die Ansteckungsgefahr bei einer stationären Behandlung im Spital? — Antwort: Kommt ganz drauf an, wer zuvor in Ihrem Bett lag.

, 12. Oktober 2016, 06:24
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Dies legen jedenfalls Daten nahe, die jetzt in «JAMA Internal Medicine» veröffentlichst wurden – erarbeitet an vier Spitälern in New York und der dortigen Columbia University.
Der Gedanke befremdet vielleicht auf den ersten Blick, aber die Aussage der Studie lautet: Wenn der Vorgänger im Spitalbett Antibiotika bekam, steigt die Gefahr, dass der nächste Patient eine bakterielle Durchfall-Erkrankung erleidet. 
Konkret verglichen die Forscher um den Gastroenterologen Daniel E. Freedberg 101'000 Patienten-Paare: vorher-nachher. Wer erhielt Antibiotika? Und bei wem liess sich Clostridium-difficile-Erkrankung feststellen?
Als Massstab nahm man also eine sehr häufige Krankenhaus-Infektion – beziehungsweise ein Bakterium, das sich gerade bei Antibiotika-Empfängern auszubreiten pflegt (und das notabene auch in der Schweiz mehrere Dutzend Todesfälle pro Jahr verschulden dürfte).

Der Herdeneffekt von Antibiotika

Klar wurde dabei: Selbst wenn Patienten nicht selber Antibiotika erhielten, so stieg ihre Gefahr einer C.diff-Durchfallerkrankung signifikant, falls der Vorgänger-Patient im selben Bett mit Antibiotika behandelt worden war. In Zahlen: Die statistische Gefahr lag um 22 Prozent höher.
Greifbar wird also ein «Herdeneffekt» der Antibiotika, wie Daniel Freedberg es gegenüber «Reuters» formulierte. Oder anders gesagt: Sie prägen auch Menschen, welche die Antibiotika gar nicht bekommen haben.
Was ist die Erklärung dafür? Das Clostridium difficile haust ohnehin schon im Menschen, aber tritt oft erst in den Vordergrund, wenn die Darmflora durch die Anwendung von Antibiotika verändert wird. Dabei streut es auch eher Sporen, und diese Sporen enden – und bleiben – bei dann mit grösserer Wahrscheinlichkeit auf dem Spitalbett.
Und so tragen die nachfolgenden Patienten tatsächlich ein grösseres Risiko, neu infisziert zu werden, als wenn der erste Patient kein Antibiotikum erhalten hätte. Natürlich sollte die Desinfektion von Bettgestell und Matratze hier Abhilfe schaffen, aber die von Freeman et al untersuchten C.diff-Sporen haben es eben bekanntlich auch an sich, dass sie sich so schwer bekämpfen lassen.
Bleibt also die Frage, was sich daraus schliessen lässt. Das Angestellten im Spital könnten sich noch bewusster werden, wie sehr Antibiotika indirekte Wirkungen haben – Wirkungen, die auch die Menschen im Umfeld betreffen, also sie selbst. 
Und obendrein wiederholte Daniel Freedberg im «Reuters»-Gespräch auch diesem Anlass: «Ärzte und Patienten sollten Antibiotika vermeiden in Situationen, wo diese nicht notwendig sind.»
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