Aids: Entstehung von resistenten Viren in der Schweiz praktisch gestoppt

Eine gefürchtete Nebenwirkung der HIV-Therapie konnte unter Kontrolle gebracht werden – zumindest hierzulande. Mehrere Ursachen trugen zum Erfolg bei.

, 17. März 2016, 09:34
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  • universitätsspital zürich
  • forschung
HIV-Infizierte in der Schweiz können heute mit einer antiretroviralen Therapie so behandelt werden, dass keine resistenten Viren entstehen. Das zeigt eine Studie der Schweizerischen HIV-Kohorte, die die Resistenzentwicklung systematisch überwacht.
​Dass HI-Viren gegen Medikamente resistent werden, ist eine gefürchtete Nebenwirkung einer antiretroviralen Therapie. Sie gefährdet den Erfolg der Therapie, und obendrein kann die Resistenz auf weitere Personen übertragen werden. Die Schweizerische Kohortenstudie überwacht deshalb die Resistenzentwicklung seit 1988. Sie erfasst drei Viertel – genau: 72 Prozent – der behandelten HIV-Infizierten in der Schweiz.

Vor ein paar Jahren noch kaum denkbar

Nun zeigt die jüngste Erhebung, dass die Resistenzentwicklung praktisch auf null gesunken ist. «Noch vor ein paar Jahren hat man nicht gedacht, dass dies möglich sein wird», sagt Huldrych Günthard von der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des Universitätspitals Zürich (zur Mitteilung des USZ).
Ausgewertet wurden die Daten von gut 11'000 Patienten aus der Schweizerischen HIV-Kohohrtenstudie, die zwischen 1999 und 2013 behandelt wurden. Wie sich zeigte, sank die Zahl der Patienten mit mindestens einer Resistenzentwicklung in diesem Zeitraum deutlich: von 401 auf 23.

Alexandra U. Scherrer, Viktor von Wyl, Wan-Lin Yang et. al.: «Emergence of acquired HIV-1 drug resistance has almost been stopped in Switzerland – a 15 year prospective cohort analysis», in: «Oxford Journals» | «Clinical Infectious Diseases», März 2016.

Und vor allem: Die meisten Resistenzen traten bei Patienten auf, die vor 1999 behandelt worden waren – die wenigsten bei den nach 2007 Behandelten. Traten resistente Viren auf, konnten diese mit neuen potenten Medikamenten trotzdem erfolgreich behandelt werden.
Dabei vereinigen sich mehrere Gründe zur positiven Entwicklung:

  • Nach 2007 kamen neue Medikamente auf den Markt, die die Vermehrung und Ausbreitung der Viren effizient unterdrückten.
  • Gleichzeitig traten weniger Nebenwirkungen auf, weshalb früher mit der Behandlung begonnen wurde.
  • Dass die Kombination von Medikamenten schliesslich eine einmal tägliche Einnahme ermöglichte, förderte den Behandlungserfolg weiter.
  • Zusätzlich lernten die Ärzte bei Therapieversagen rascher einen Medikamentenwechsel einzuleiten als früher.

«Die meisten Resistenzen gegen eines oder mehrere Medikamente sind ein Relikt aus der Ära vor der Einführung moderner Kombinationstherapien», sagt Studienleiterin Alexandra Scherrer vom Universitätsspital Zürich. 
Das Resistenzproblem sei in der Schweiz «ein gut-kontrolliertes Relikt» der Epoche vor den Kombinationstherapien, schreiben die Forscher in «Clinical Infectious Diseases»: «Das Entstehen einer Arzneimittel-Resistenz kann mit den neuen potenten Therapien und enger Überwachung praktisch gestoppt werden.»

Die Gefahr ist keineswegs gebannt

Für USZ-Forscher Huldrych Günthard zeigt sich hier auch, dass HIV-Infizierte in der Schweiz eine «hervorragende Behandlung» bekommen.
Oder anders gesagt: Die hiesige Situation lässt sich nicht auf andere Länder übertragen. Dies stellt auch Douglas Richman vom Zentrum für Aids-Forschung der University of California San Diego fest: In Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen sei man weit entfernt vom WHO-Ziel, die Aids-Epidemie zu beenden, schreibt Richman im Editorial von «Clinical Infectious Diseases». Denn es fehle sowohl an Medikamenten wie an einer Resistenzüberwachung. 
Weltweit könnte die Gefahr einer Übertragung resistenter Viren sogar steigen, stellen die Autoren der aktuellen Studie fest. «Will man die HIV-Infektion in den Griff bekommen, müssen auch ärmere Länder Zugang zum vollen Programm der antiretroviralen Substanzen erhalten», sagt Huldrych Günthard.
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