50-Stunden-Woche für Ärzte: «Am meisten leiden die Patienten»

Höherer Arbeitsaufwand, mehr unbezahlte Überstunden: Die Senkung der Arbeitszeit für Spitalärzte erntet viel Kritik – von den Ärzten selber. Zumindest im Nachbarland Österreich.

, 11. Februar 2016 um 08:43
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In der Schweiz laufen bekanntlich Bestrebungen, die 50-Stunden-Woche landesweit für Assistenz- wie Oberärzte zur Norm zu machen. In Österreich wurde dies vor einem Jahr durchgezogen, und jetzt gibt es erste Zwischenresultate zur Frage, wie sich der Schritt ausgewirkt hat. 
Genauer gesagt: Die Daten kommen aus Wien. An den dortigen Kliniken wurde vor einem Jahr die wöchentliche Maximal-Arbeitszeit für Ärzte von 60 auf 48 Stunden gesenkt. Nun hat die Wiener Ärztekammer ihre Spitalärzte zu den Auswirkungen der neuen Arbeitszeitregeln befragt. Und (erstaunlicherweise?) waren die Antworten sehr kritisch:

  • Fast 90 Prozent ortet eine Verschlechterung der Patientensituation.
  • Über 80 Prozent beobachtet einen höheren Arbeitsaufwand.
  • Drei Viertel nimmt eine Verschärfung des Problems der Zwei-Klassen-Medizin wahr.
  • Drei Viertel sieht die Ausbildung als verschlechtert an.
  • Über 80 Prozent gab an, Patienten müssten nun länger warten.
  • Fast ein Drittel leistet unbezahlte Überstunden.

Insgesamt wurden über 7’300 Ärzte und Ärztinnen von einer unabhängigen Beratungsfirma befragt, elektronisch und anonym.

Entweder Patient oder Bezahlung?

Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres spricht von «Hunderten Kollegen und Kolleginnen, die unbezahlt arbeiten müssen, weil sie mit ihrer Arbeit nicht fertig werden (können)». Es sei unzumutbar, dass man Ärztinnen und Ärzte vor das ethische Dilemma stelle, entweder den Patienten liegen zu lassen oder ohne Bezahlung weiter zu behandeln.
Am meisten «leiden unsere Patienten», so Szekeres weiter. Die Ärztekammer fordert daher mehr Personal und weniger Bürokratie-Belastung für die Mediziner.

50-Stunden pro Woche für Assistenzärzte

Starre Vorgaben der Arbeitszeiten in einem Klinikbetrieb sorgen auch in den Schweizer Spitälern immer wieder für Diskussionen. Hierzulande dürfen bislang nur Assistenzärzte pro Woche maximal 50 Stunden arbeiten. In der Praxis sieht es allerdings oft anders aus.
Obwohl ein Vergleich unterschiedlicher Gesundheitssysteme nur beschränkt möglich ist, zeigt die Umfrage auf, welche kritischen Punkte bei der Einführung einer 50-Stunden-Regel für Spitalärzte zu beachten wären.
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