Medikamente: Neues Warnsystem soll Patientensicherheit erhöhen

Das Kantonsspital Aarau hat ein spezifisches System zur Detektion von Medikationsfehlern entwickelt. Dieses soll künftig auch in anderen Spitälern eingesetzt werden.

, 13. September 2022, 06:05
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Vom 12. bis 18. September findet die nationale Aktionswoche Patientensicherheit Schweiz statt. Die Aktion steht unter dem Motto «Gemeinsam zur sicheren Medikation». Die KSA Gruppe beteiligt sich mit einer internen Kampagne zum Thema «Medikationssicherheit». | Symbolbild Freepik
Medikamentöse Behandlungen werden immer komplexer, die Anzahl eingenommener Medikamente nimmt stetig zu – und damit auch das Risiko von Medikationsfehlern. Besonders wenn mehrere Anpassungen an der Medikation erfolgen, bestehe das Risiko von Doppelverordnungen, schreibt das Kantonsspital Aarau (KSA) in einer Mitteilung an die Medien und erklärt:
«Handelt es sich beispielsweise um zwei Blutverdünner, kann dies zu einer gefährlichen Blutung führen. Doppelverordnungen können in Einzelfällen aufgrund ihrer Notwendigkeit auch bewusst erfolgen.» Mit dem neuen KSA-System werde auf solche Gegebenheiten eingegangen und die Patientensicherheit auch in solchen Fällen erhöht.
Dazu hat das KSA in Zusammenarbeit mit der Spitalpharmazie, der Allgemeinen Inneren Medizin und der Firma Cistetec AG ein spezifisches Warnsystem entwickelt, das Ärztinnen und Ärzten gezielt dabei heflen soll, Medikationsfehler – und damit unerwünschte Arzneimittelwirkungen –, markant zu reduzieren.
Das KSA-Multiagenten-System soll nicht nur Haus-intern verwendet werden, sondern künftig auch anderen Spitälern zur Verfügung stehen.

ETH bestätigt Wirksamkeit

Eine Masterarbeit der ETH Zürich belege jetzt die hohe Wirksamkeit des Systems, heisst es weiter. So seien im Rahmen einer kürzlich abgeschlossenen Masterarbeit des Departements Chemie und Angewandte Biowissenschaften (Pharmakoepidemiologie) der ETH Zürich die Häufigkeit und das Risiko einer fälschlichen Doppelverordnung von Blutverdünnern verglichen worden.
«Hierbei wurden entsprechende Zahlen aus dem Kantonsspital Aarau vor und nach Implementierung des neuen Systems mit denjenigen eines vergleichbaren Spitals vor und nach Einführung eines herkömmlichen Systems verglichen», erklärt das Aarauer Spital.
Es zeigte sich dabei, dass das Risiko einer fälschlichen Doppelverordnung mit dem eigens entwickelten algorithmenbasiertes Multiagenten-System deutlich stärker (–55 %) reduziert werden konnte als im Vergleichsspital mit dem herkömmlichen System (–14 %).
Noch deutlicher werde der positive Einfluss des Systems bei der Dauer einer fälschlichen Doppelverordnung, so das KSA. «Hier war im Vergleichsspital keine Verbesserung durch Einführung des herkömmlichen Systems erkennbar und es konnten weiterhin Doppelverordnungen über mehrere Tage auftreten. Im KSA hingegen wurde nach Einführung des eigenen Systems jede Doppelverordnung fast immer am selben Tag, spätestens am nächsten, behoben» wird Claudia Zaugg, Stv. Chefapothekerin und Leiterin Klinische Pharmazie im KSA, zitiert.

Erhebliche Gefahr bei Blutverdünnern

Das 2020 vom Schweizerischen Verein der Amts- und Spitalapotheker mit einem Forschungspreis unterstützte System wurde über einen Zeitraum von fünf Jahren entwickelt. Weiter hat die Abteilung der klinischen Pharmazie des KSA personell viel investiert, um entsprechende Warnmeldungen zeitnah zu überprüfen.
Analysen zeigten, dass sich diese Investition auch langfristig lohnt. «Gerade bei Blutverdünnern besteht bei einem Medikationsfehler ein erhebliches Risiko von Blutungen, die mit hohen Folgekosten einhergehen. Dank der Zusammenarbeit mit dem Hersteller der am KSA genutzten elektronischen Patientenakte, wird das System künftig auch anderen Spitälern zur Verfügung stehen», so Claudia Zaugg.

Warnmeldungen erhöhen Sicherheit

Neben der komplexeren Programmierung des Systems schneide das KSA -Systems auch hinsichtlich der Art der Warnmeldungen gut ab: Während herkömmliche Systeme lediglich darauf hinweisen würden, dass ein Problem bestehe, benenne das KSA-System das Problem konkret und mache zugleich einen Lösungsvorschlag, erklärt das Spital weiter. Dies sei gerade bei komplexeren Problemen, zum Beispiel beim Risiko eines Nierenversagens, ein entscheidender Vorteil.
Hinzu komme, dass ein internes Team klinischer Pharmazeuten komplexe Probleme zuerst prüfen und erst dann eine Empfehlung an die Ärzteschaft versendet werde. «Unnötige Meldungen würden so vermieden und das Risiko, dass Meldungen ignoriert werden, sinkt», hält das KSA fest.
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