«Physioswiss weiss, dass die grosse Mehrheit der Praxen einwandfrei abrechnet»

Trick 7311: Der «K-Tipp» wirft Physiotherapie-Praxen vor, einen zu hohen Tarif abzurechnen. Physioswiss erklärt, was rechtens ist.

, 19. März 2025 um 07:29
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Eine aufwändige Physiotherapie-Behandlung für 85 Franken oder eine gewöhnliche für 52 Franken? Für Praxen macht das einen grossen Unterschied bei den Einnahmen. | Unsplash
«Physiotherapie-Patienten bezahlen bei einer Behandlung oft rund 30 Franken pro Termin zu viel. Grund: Viele Praxen rechnen höhere Tarife ab, als sie eigentlich dürften.» So lautet der Vorwurf, den das Konsumentenmagazin «K-Tipp» in seiner neusten Ausgabe erhebt.
Konkret geht es darum, dass der Krankenkasse CSS rund 200 Praxen auffielen, die plötzlich viel öfter die Tarifposition 7311 zu rund 85 Franken – je nach kantonalem Taxpunktwert – für aufwendige Behandlungen abrechneten, statt der Position 7301 zu rund 52 Franken für eine gewöhnliche Sitzung.
Florian Kurz, Sprecher des Verbands Physiosuisse, zweifelt diese Zahlen nicht an. Er sagt aber: Nach wie vor werde vor allem die Tarifposition 7301 verrechnet. «Es ist jedoch richtig, dass in den vergangenen Jahren die Tarifposition 7311 häufiger verrechnet wurde. So sind es im Jahr 2021 rund ein Viertel aller Behandlungen gewesen, im letzten Jahr rund ein Drittel.»

«Vor allem bei einigen Grosspraxen»

Er fügt hinzu, dass Santésuisse 2023 vor allem bei einigen Grosspraxen ein auffälliges Abrechnungsverhalten bezüglich der Tarifposition 7311 festgestellt habe. «Bei Klein- und Mittelpraxen sowie bei vielen Grosspraxen gibt es kaum Auffälligkeiten.»
Kurz hat folgende Erklärung für die Zunahme der 7311-Position: Diese Position hatte der Bundesrat 2017 inhaltlich angepasst. Dabei sei etwa die Behandlung von Kindern, von Krebs-Patienten oder von Personen in palliativen Situationen hinzu gekommen. Ausserdem führe auch die immer frühere Entlassung aus den Spitälern dazu, dass die Physiotherapie-Praxen mehr komplexe Behandlungen durchführen.
Der «K-Tipp» schreibt jedoch, dass die Helsana davon ausgehe, dass die Praxen ‹Gewinnoptimierung› betreiben.

Gewisser Spielraum vorhanden

Florian Kurz räumt ein, dass die Pauschalen einen gewissen Spielraum ermöglichen. Wichtig sei, dass jede Behandlung die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfülle und das Behandlungsziel immer im Zentrum stehe. Die Dauer einer Behandlung müsse auch dem Allgemeinzustand des Patienten angepasst werden.
Physioswiss wehrt sich deshalb gegen eine systematische Verkürzung der Behandlungszeit. Der Verband bietet seinen Mitgliedern Kurse und Unterlagen rund um das Thema Tarife an. Es sei aber die Aufgabe der Krankenkassen, die Rechnungen zu überprüfen und bei Bedarf einzugreifen.

Erfolgsprämie: Für Physioswiss falscher Anreiz

Experten der CSS und der Helsana sagen, die Zunahme hänge unter anderem stark mit einer neuen Abrechnungssoftware und Beratungen durch die Firma Compis in Cham zusammen. Was diese Firma bestreitet.
Dem «K-Tipp» liegt allerdings ein Beratungsvertrag vor, laut dem die Firma neben dem Honorar auch 1000 Franken Erfolgsprämie pro Physiotherapeuten erhalte, sobald dieser pro Monat mehr als die Hälfte seiner Behandlungen nach der Tarifposition 7311 abrechnet. Eine solche Prämie betrachtet Physioswiss als «einen falschen Anreiz».
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