Das Patientendossier liegt im Röstigraben

Nur ein Bruchteil der Bevölkerung hat ein elektronisches Patientendossier. In der Romandie ist die Quote massiv höher als in der Deutschschweiz.

, 20. Februar 2026 um 13:52
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Wo gab es sowas in der Deutschschweiz? Werbe-Aktion für das EPD von «Cara» in Freiburg, Januar 2023 | Bild: PD
Auch Jahre nach seiner offiziellen Einführung hat das elektronische Patientendossier ein Mauerblümchen-Schicksal. Das bestätigt eine Analyse der Observatoriums Obsan, das Daten bis Mitte Oktober 2024 verarbeitet hat.
Damals verfügten immer noch weniger als 1 Prozent der Bevölkerung über ein EPD. Und Tatsache, dass mehr als 70 Prozent der Besitzer des EPD keine Zugriffsberechtigung für ein Gesundheitsfachpersonal erteilt haben, zeigt, dass dieses «Tool» noch überhaupt nicht in die Behandlungspfade integriert ist, so der Bericht des Obsan.
Ein weiteres Ergebnis: Im Oktober 2024 hatten doppelt so viele Männer wie Frauen eine Akte angelegt; die Gründe für diesen Unterschied sind unklar.

Ungleich vernetzte Anbieter

Auf der Seite der Institutionen ist die Situation sehr unterschiedlich. Fast alle Spitäler haben das EPD eingeführt; sie generieren die überwältigende Mehrheit der einschlägigen Dokumente (93,8 Prozent). Auch rund drei Viertel der Pflegeheime sind angeschlossen.
Im ambulanten Sektor ist die Integration jedoch noch tief: Nur knapp über 10 Prozent der Apotheken und Ärzte sind vernetzt.
Die Genauigkeit der Daten kann wegen ihrer aggregierten und anonymisierten Natur nicht überprüft werden. Das Obsan weist darauf hin, dass «eine Unsicherheit von etwa 10% für alle EPD-Analysen angenommen wird».
Die Hindernisse für die Einführung sind vielfältig. Das Obsan vermutet hauptsächlich um technologische und organisatorische Hürden, eine mangelnde Integration in bestehende Systeme – oder aber, dass einen Mehrwert im Alltag kaum wahrgenommen wird. Darüber hinaus würde eine unzureichende Konnektivität zwischen Akten und Fachleuten die Verankerung in der medizinischen Praxis noch erschweren.

Vorsprung in der Westschweiz

Die Analyse zeigt vor klaren Kontrast zwischen den Sprachregionen. Die Westschweiz ist deutlich weiter fortgeschritten – angetrieben vor allem von der CARA-Stammgemeinschaft, der zweitgrössten mit den meisten EPDs, die in fast allen Westschweizer Kantonen zugänglich ist.
Neuenburg (3,1 Prozent der Bevölkerung) und Genf (2,5 Prozent) weisen die höchsten Eröffnungsdichten auf. Genf hat sogar die absolut höchste Anzahl an EPDs, ein Erbe der kantonalen Initiative MonDossierMédical, die bereits 2013 gestartet worden war und 2021 in Cara übergeführt wurde. Neuenburg zeichnet sich auch durch die grösste Zunahme im Jahr 2024 aus, die durch einen förderlichen gesetzlichen Rahmen unterstützt wird.

Deutschschweiz und Tessin: weit abgeschlagen

Die Abdeckung durch Apotheken ist landesweit nach wie vor gering (13 Prozent), erreicht aber in Neuenburg 45 Prozent und in der Waadt 28 Prozent, während mehrere Kantone in der Zentralschweiz weiterhin nicht am System teilnehmen.
Dasselbe gilt für die Praxisärzte: Die Westschweizer Kantone weisen einen deutlich höheren Deckungsgrad auf als die Deutschschweiz und das Tessin. Bei den nach 2022 niedergelassenen Ärzten (die dem Obligatorium unterstehen), betrug die Beteiligung im Oktober letzten Jahres 34 Prozent, wobei die Unterschiede zwischen den Regionen noch immer sehr gross sind.

Kluft zwischen Plan und Realität

Laut der Beobachtungsstelle Obsan lässt sich der EPD-Röstigraben wahrscheinlich durch den einfacheren Zugang zu den Referenzgemeinschaften in der Westschweiz erklären, insbesondere zu CARA, dessen Nutzung von den Kantonen finanziert wird und für Fachleute kostenlos ist.
Das Obsan weist auch auf eine Kluft zwischen Absicht und Wirklichkeit hin: 2019 plante fast die Hälfte der Grundversorger, innerhalb von drei Jahren dem EPD beizutreten. Die Zahlen zeigen nun: daraus wurde nichts.

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