Ein falsches Datum bei einer Flugbuchung anzuklicken, ist ärgerlich. Wenn aber ein Computerprogramm im Spital unübersichtlich ist und zu falschen Klicks führt, wird es gefährlich – etwa dann, wenn ein Medikament einem falschen Patienten zugeteilt wird.
«In Hochrisikobereichen wie der Medizin übersetzt sich eine schlechte Benutzungsfreundlichkeit von IT-Produkten direkt in Risiken für Patientinnen und Patienten», warnt
David Schwappach vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Er war Leiter einer Studie, welche die Benutzerfreundlichkeit von Klinik- und Praxisinformationssystemen untersuchte.
Eines der Ergebnisse der Studie lautete: Knapp 400 Teilnehmende (24 Prozent) gaben an, dass sie in den vergangenen vier Wochen beim Arbeiten mit dem System ein sicherheitsrelevantes Ereignis erlebt hatten. Für Schwappach ist das eine relativ grosse Zahl.
Unbemerktes Springen zwischen Akten
Beispiele für solche Situationen waren sehr lange Ladezeiten in Notfallsituationen, die zu Patientengefährdungen führten, oder das «stille Springen» zwischen Patientenakten, so dass Verordnungen für die falsche Patientin erfolgten.
Bedenklich findet Schwappach, dass die Hälfte dieser Vorfälle nicht formell gemeldet wurde, etwa in ein anonymes Meldesystem für sicherheitsrelevante Vorfälle (CIRS) oder durch eine Meldung an die Informatikabteilung.
Gemeldete sicherheitsrelevante Ereignisse – nach übergeordneten Themenbereichen klassifiziert. | Grafik: David Schwappach
Mehr Arbeitsbelastung mit schlechten KIS
Die schlechte Benutzerfreundlichkeit habe auch indirekte Effekte auf die Patientensicherheit, erwähnt David Schwappach: «Die Erledigung vieler Aufgaben wird als mühsam, anstrengend und den Arbeitsfluss unterbrechend wahrgenommen.» Kognitive Überlastung und Ermüdung könnten dann wiederum selbst zur Gefahr werden. Gemäss grossen Studien aus den USA korreliere ein besser bedienbares KIS mit geringerer Arbeitsbelastung und geringeren Burnout-Raten bei Ärztinnen, Ärzten und Pflegepersonal.
Schwappach kommt zum Schluss: Die Diskrepanzen zwischen den Versprechen der Digitalisierung («mehr Sicherheit», «mehr Effizienz») und der tatsächlichen Erfahrung der Ärzteschaft sind besorgniserregend.
VSAO-Mitglieder wurden befragt
Ende 2024 waren die Mitglieder des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) eingeladen, sich an einer Befragung zur Benutzungsfreundlichkeit von Klinik- und Praxisinformationssystemen (KIS und PIS) zu beteiligen. Diese Systeme sind heute das zentrale Arbeitsmittel für Ärztinnen und Ärzte. Die Studie unter der Leitung von David Schwappach vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern wurde von der FMH unterstützt.