Schon 5’000 Schritte täglich könnten Alzheimer verlangsamen

Mehr Bewegung kann laut einer Studie den geistigen Abbau bremsen: Daten der Harvard Aging Brain Study zeigen, dass sich bei Menschen mit ersten Alzheimer-Anzeichen weniger Tau-Ablagerungen bilden.

, 5. November 2025 um 07:32
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Ein Spaziergang im Park hält Körper und Geist fit. Symbolbild: Unsplash
Körperliche Aktivität kann den Verlauf einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung verlangsamen – und das schon bei moderater Bewegung. Das zeigt eine neue Beobachtungsstudie der Harvard Aging Brain Study, veröffentlicht in «Nature Medicine».
Das Forschungsteam um Wai-Ying Wendy Yau untersuchte 296 ältere Erwachsene über14 Jahre. Alle Teilnehmenden waren zu Beginn kognitiv unauffällig, rund ein Drittel zeigte jedoch bereits erhöhte Beta-Amyloid-Werte – ein Frühzeichen der Alzheimer-Krankheit.
Die Zahl ihrer täglichen Schritte wurde eine Woche lang per Schrittzähler gemessen.
Das Ergebnis:
  • Schon ab 3000 Schritten pro Tag zeigte sich ein messbarer Effekt.
  • Wer zwischen 5000 und 7500 Schritte täglich ging, wies im Verlauf weniger Tau-Ablagerungen im Gehirn auf – jene Proteinverklumpungen, die mit dem kognitiven Abbau bei Alzheimer in Zusammenhang stehen.
  • Mehr Bewegung brachte hingegen keinen zusätzlichen Nutzen; die Wirkung erreichte ein Plateau.
«Diese Studie zeigt zum ersten Mal Effekte bei Menschen, die bereits Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn haben. Hier scheint körperliche Aktivität die Ausbreitung dieser Veränderungen über Jahre hinweg zu verlangsamen und in Verbindung damit die mentale Leistungsfähigkeit zu schützen», kommentiert Emrah Düzel, Direktorin des Instituts für kognitive Neurologie und Demenzforschung der Universitätsklinikum Magdeburg, die Ergebnisse gegenüber dem Science Media Center.

Wie Bewegung das Gehirn schützt

Laut den Forschenden war der Effekt nicht auf eine geringere Amyloid-Belastung zurückzuführen. Vielmehr verzögerte Bewegung die Zunahme von Tau-Proteinen in den Temporallappen – einem Areal, das besonders früh von Alzheimer betroffen ist.
«Personen, die sich zu Studienbeginn mehr bewegten – objektiv gemessen über ihre tägliche Schrittzahl – zeigten über bis zu 14 Jahre hinweg einen langsameren kognitiven Abbau und einen geringeren Abbau in der Alltagsfunktion», erklärt Iris Blotenberg (Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen, DZNE) auf Anfrage des Science Media Center. Sie betont den Mehrwert der Analyse, weil sie «die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen der Alzheimererkrankung berücksichtigt» habe.
Die genauen Mechanismen sind laut den Expertinnen und Experten noch unklar, doch mehrere biologische Prozesse gelten als wahrscheinlich: verbesserte Hirndurchblutung, geringere Entzündungsaktivität, mehr neuronale Wachstumsfaktoren.
Zum einen trainiert Bewegung die Kognition: «Die Personen müssen navigieren, sich orientieren und mit Ihrer Umgebung interagieren», so Düzel. Zum anderen gibt es Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit. Bei erhöhter Aktivität werden zudem blutgebundene Wachstums- und Schutzfaktoren freigesetzt, wie Düzel erklärt: «Diese wirken positiv auf das Gehirn und könnten so die Ausbreitung von Tau verlangsamen».

Ein realistisches Bewegungsziel

Die Expertinnen und Experten sehen in der Studie zwar keine Beweise für Kausalität, aber deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang.
«Die Studie ist eine der ersten, die diesen Ansatz mit objektiv gemessenen Bewegungsdaten verfolgt und zeigt, dass der optimale positive Effekt bereits zwischen 5000 und 7500 Schritten ausgeschöpft wird», erklärte René Thyrian (DZNE) gegenüber dem Science Media Center.
Auch Rieke Trumpf (Deutsche Sporthochschule Köln) hält den Bereich für sinnvoll: «Ein Orientierungswert von etwa 5000 bis 7500 Schritten pro Tag für zuvor inaktive Ältere ist realistisch und gut vermittelbar – als pragmatische Richtschnur, nicht als individuelle Verordnung.»
Während neue Antikörpertherapien wie Lecanemab und Donanemab erstmals den Krankheitsverlauf beeinflussen können, bleibe Bewegung eine «zugängliche und risikoarme Präventionsstrategie», betont Steffi Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health am Universitätsklinikum Leipzig. «Jeder Schritt zählt, und es ist nie zu spät, das Gehirn in Bewegung zu bringen», so ihr Fazit.

Zur Originalpublikation:

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