«Je tiefer, desto besser», lautet die gängige Empfehlung für den Blutdruck. Sie gilt für viele Menschen auch im hohen Alter, wie randomisierte Studien belegen konnten. Diese hätten aber einen Haken, sagt Sven Streit vom Institut für Hausarztmedizin der
Universität Bern: «Solche Studien schliessen alte und gebrechliche Menschen mit mehreren Krankheiten und mehreren Medikamenten aus.» Die Resultate auch der besten Studien seien nur bedingt auf alte Menschen übertragbar.
Höheres Sterberisiko
In einer Studie mit der Universität Leiden (NL) fand der Forscher heraus, dass Blutdrucksenker bei Patientinnen und Patienten über 85 Jahren - auch solchen, die an einer Demenz leiden oder gebrechlich sind - zu einem höheren Sterberisiko zu einem schnellerem kognitiven Abfall führten. Bei den knapp 600 Teilnehmern konnte nachgewiesen werden, dass die Gesamtsterblichkeit und der kognitive Abfall höher waren, je tiefer der Blutdruck durch die Medikamente gesenkt wurde.
Nutzen und Risiken abschätzen
«Bei Hausärztinnen und Hausärzten setzte sich bereits im Vorfeld immer mehr die Überzeugung durch, speziell bei gebrechlichen Patienten eine zusätzliche blutdrucksenkende Therapie nur nach individueller Abschätzung von Nutzen und Risiko zu empfehlen», sagt Streit. «Nun konnten wir belegen, dass sie damit richtig lagen - entgegen den offiziellen Empfehlungen.»
Mit seiner Arbeit überzeugte Streit auch das Schweizer Kollegium für Hausarztmedizin, welches ihn und sein Team mit dem Forschungspreis 2018 im Wert von 10'000 Franken auszeichnete.
Sven Streit, Rosalinde Poortvliet, Jacobijn Gussekloo: «Lower blood pressure during antihypertensive treatment is associated with higher all-cause mortality and accelerated cognitive decline in the oldest-old. Data from the Leiden 85-plus Study» - in: «Age and Ageing», 1. Juli 2018