Schweizer Psychiatriekliniken wenden weniger Zwang an

Neuste Qualitätsmessungen zeigen: Psychiatrie-Patienten erleben immer weniger unfreiwillige Behandlung.

, 29. September 2020 um 12:52
image
  • psychiatrie
  • spital
  • anq
  • luzerner psychiatrie
Zwangsmedikation, Festbinden, Isolation in einem Zimmer: Das sind Methoden, die in den Schweizer Psychiatriekliniken immer noch angewendet werden. Eingesetzt werden sie, wenn durch die psychische Krankheit eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung besteht. Doch neuste Zahlen des Nationalen Vereins für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) zeigen: Solche Massnahmen kommen immer weniger zum Zug.

Jedes zehnte Kind mit Zwangsmassnahmen behandelt

Am meisten so genannte freiheitsbeschränkende Massnahmen gibt es bei Kindern und Jugendlichen. Jeder zehnte junge Patient wurde letztes Jahr während seines Klinikaufenthalts mindestens einmal gegen seinen Willen behandelt.
Die Jugendpsychiatrische Therapiestation Kriens der Luzerner Psychiatrie (Lups) nimmt dabei eine Spitzenposition ein: Die Zahlen zeigen, dass ein Drittel der Jugendlichen bei ihrem Aufenthalt in ihrer Freiheit beschränkt wird. Die Lups weist aber ausdrücklich auf ihr Institutskonzept hin: «Es gibt bei uns grundsätzlich keine Fixierungen», betonen die Verantwortlichen. Bei den Freiheitsbeschränkungen handle es sich um begleitende Aufenthalte im Einzelzimmer.

Weniger Zwang heisst nicht automatisch bessere Klinik

Johanna Friedli, Leiterin Psychiatrie bei ANQ, weist denn auch ausdrücklich darauf hin, dass weniger freiheitsbeschränkende Massnahmen nicht automatisch auf eine bessere Qualität der Klinik hindeute. «Eine Interpretation der Ergebnisse muss immer im Kontext der Klinikkonzepte erfolgen.»
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es etwas häufiger freiheitsbeschränkende Massnahmen als in der Erwachsenen-Psychiatrie, wo die Quote bei rund acht Prozent der Fälle liegt. «Bei Kindern und Jugendlichen handelt es sich oft um Notfall- oder Krisensituationen»», erklärt Johanna Friedli. Ausserdem sei in der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Dynamik unter den Patienten eine grosse Herausforderung.

Bei Straffälligen mehr Zwangsmassnahmen

In psychiatrischen Kliniken, die Abhängigkeitserkrankungen behandeln, kommen freiheitsbeschränkende Massnahmen gar nicht vor. Ganz anders bei Patienten, die sich gleichzeitig im Massnahmen- oder im Strafvollzug befinden: Fast vier von zehn dieser Patienten erhalten mindestens einmal unfreiwillige Behandlungen.
Die Art der freiheitsbeschränkenden Massnahmen ist je nach Klinik und Patienten unterschiedlich. So werden in der Alterspsychiatrie die Patienten zum Beispiel auch mit tiefen Sitzen oder Bettgittern einerseits geschützt und andererseits in ihrer Freiheit beschnitten.

Offene Abteilungen rufen weniger Widerstand hervor

Es gebe Kliniken, die häufiger kürzere Massnahmen anwenden, andere würden weniger, dafür längere Massnahmen einsetzen, stellt Johanna Friedli fest. Immer mehr Kliniken können aber auch auf solche Zwangsmassnahmen verzichten. Der Grund: Sie gestalten die Abteilungen zunehmend offener, und es wird früher erkannt, wenn Patienten sich selber oder andere gefährden könnten.
«Offene Abteilungen fordern weniger zu Widerstand heraus», erklärt Johann Friedli. Sie erwähnt auch das Beispiel einer Klinik, welche ein Musikzimmer anbietet, das zur Beruhigung von Patienten dient und erzwungenen Massnahmen vorbeugt.

Rund 130 Kliniken beurteilt

Alle 96 Kliniken der Erwachsenenpsychiatrie und 32 Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben im Jahr 2019 an der landesweiten Qualitätsmessung des ANQ teilgenommen.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

In Zug kündigen Ärzte nach Freistellung ihres Chefarztes

Weil das Zuger Kantonsspital einem Chefarzt überraschend gekündigt hat, sind sieben weitere Ärztinnen und Ärzte gegangen.

image

Zuger Kantonsspital mit Jahresgewinn

Die Zahl der stationären Patienten blieb im letzten Jahr praktisch unverändert.

image

Vorwürfe an die Insel-Leitung: Mangelhafte Qualitätskontrolle

Neue Vorwürfe an Schnegg, Pulver und Jocham: Sie hätten nichts dagegen unternommen, dass Insel-Patienten ein hohes Infektionsrisiko haben.

image

Neue Tarife für Psychiatrie-Kliniken

Psychiatrische Kliniken können künftig neben den Fallpauschalen weitere Leistungen separat verrechnen.

image

Nun müssen Spitäler besser werden

Erstmals haben die Spitäler und Krankenkassen einen Vertrag über die Qualität ihrer Arbeit abgeschlossen.

image

Die Insel ist das schnellste Spital der Schweiz

Zum 9. Mal verteidigte die Insel ihren Titel, die fittesten Angestellten zu haben: Sie gewann die Firmentrophy am Berner Stadtlauf.

Vom gleichen Autor

image

SVAR: Neu kann der Rettungsdienst innert zwei Minuten ausrücken

Vom neuen Standort in Hundwil ist das Appenzeller Rettungsteam fünf Prozent schneller vor Ort als früher von Herisau.

image

Kantonsspital Glarus ermuntert Patienten zu 900 Schritten

Von der Physiotherapie «verschrieben»: In Glarus sollen Patienten mindestens 500 Meter pro Tag zurücklegen.

image

Notfall des See-Spitals war stark ausgelastet

Die Schliessung des Spitals in Kilchberg zeigt Wirkung: Nun hat das Spital in Horgen mehr Patienten, macht aber doch ein Defizit.