Film über Corona: «Man sollte das ganze Bild sehen»

Reto Brennwald sagt, warum er einen Film über die Coronakrise gedreht hat. Der Journalist und Filmemacher lässt darin Experten, Ärzte oder Unternehmer zu Wort kommen.

, 20. Oktober 2020 um 05:30
image
  • coronavirus
  • reto brennwald
  • ärzte
  • praxis
  • spital
Herr Brennwald, was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für die offenbar vorherrschende öffentliche Meinung, die Schweiz sollte sich um jeden Preis vor dem Coronavirus schützen?
Im Moment steigen die Fallzahlen rasant, die Angst geht wieder um. Das muss man ernst nehmen, aber entscheidender sind die Hospitalisierungen. Offenbar besteht auch ein Konsens, dass ein zweiter Lockdown unbedingt verhindert werden muss, weil uns bewusst geworden ist, welche neuen Kollateralschäden, in sozialer, wirtschaftlicher, aber auch gesundheitlicher Sicht verursacht würden.
«Ich möchte nur zu bedenken geben, dass man das ganze Bild sehen sollte, die Eigenverantwortung betonen, und vielleicht sollten wir auch einmal über gesundes Leben und Prävention sprechen.»
Wie beurteilen Sie diesbezüglich die Rolle der Politik und der Massenmedien?
Medien lieben dramatische Einzelschicksale, aber die sind nicht unbedingt repräsentativ. Lange wurde jede einzelne Ansteckung vermeldet, das schürte Angst und drängte die Politik zu «Lösungen». Ich möchte nur zu bedenken geben, dass man das ganze Bild sehen sollte, die Eigenverantwortung betonen, und vielleicht sollten wir auch einmal über gesundes Leben und Prävention sprechen.
Wie haben Sie es geschafft, in Ihrem Film Gesundheitsfachleute vor die Kamera zu bringen? Es gibt ja zwar viele kritische Ärzte, aber kaum solche, die ihre Sichtweise zitieren lassen möchten.
Da ich selber mit einer Ärztin verheiratet bin, habe ich mitbekommen, wieviele, vor allem Hausärzte, Fragen zur Verhältnismässigkeit der Massnahmen haben. Auch in der Schweizer Ärztezeitung gab es immer wieder solche Stimmen. Es war dann eine Fleissarbeit, solche zu finden, die sich auch vor der Kamera äussern.
«Ich verharmlose Covid-19 nicht, aber ich versuche zu zeigen, dass wir in den richtigen Relationen damit umgehen müssen.»
Was war der Auslöser, um den Dok-Film «Unerhört» zu drehen?
Jetzt, wo die Fallzahlen rapide steigen, ist das vielleicht schwer zu verstehen. Aber schon bald nach dem Lockdown sah man, dass die Epidemie am abklingen war. Bald standen Spitäler leer. Die Positivitätsrate und die Sterblichkeit sanken, während die Zahl der Tests stieg. Da passte einiges nicht mehr zusammen.
Warum sollten Ärzte und Gesundheitsprofis den Film anschauen?
Weil zum Beispiel WZW, Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit, ja eine Leitlinie ist im Gesundheitswesen. Letztlich dreht sich der Film um die Frage der Verhältnismässigkeit der Massnahmen im Vergleich zu anderen Herausforderungen. Ich verharmlose Covid-19 nicht, aber ich versuche zu zeigen, dass wir in den richtigen Relationen damit umgehen müssen.
image
Reto Brennwald (zVg)
Reto Brennwald (1963) ist einer der bekanntesten Journalisten in der Schweiz. Der Fernsehjournalist, Filmemacher und Moderator war 20 Jahre beim Schweizer Fernsehen tätig, unter anderem als Moderator der Sendung «Rundschau» und der Diskussionssendung «Arena». Zudem arbeitete er für die Sendungen «Dok» und «Reporter». 
 «Von den Corona-Leugnern distanziere ich mich mit aller Deutlichkeit. Aber ich habe dazu aufgerufen, anständig miteinander zu diskutieren.»
Lässt sich der typische «Unerhörte» typologisieren? Gibt es einen Zusammenhang mit dem Beruf oder mit politischer Gesinnung?
Das ist etwas spekulativ, aber mir ist aufgefallen, dass Menschen, die sich gewohnt sind, Risiken zu tragen oder unabhängig sind, zum Beispiel als Unternehmer oder Hausarzt, eher pragmatisch sind. Viele haben sich an mich gewandt, offenbar gibt es ein verbreitetes Missbehagen, über die Art der heutigen Informationsgesellschaft.
In den Medien war mit unterschwelliger Empörung zu lesen, dass ein «knallharter Politjournalist» vor Corona-Skeptikern auftritt? Stört es Sie, wenn Sie in die Ecke der Verschwörungstheoretiker oder Corona-Leugner gedrängt werden?
Ja, natürlich. Von den Corona-Leugnern distanziere ich mich mit aller Deutlichkeit. Aber ich habe dazu aufgerufen, anständig miteinander zu diskutieren. Denn ich finde es nicht in Ordnung, wenn hochkarätige Fachleute, die zur Sachlichkeit aufrufen, beleidigt werden. Zum Beispiel Prof. Pietro Vernazza, über den ein Journalist tweetete, was er herauslasse, sei ein unglaublicher Stuss.

  • Hier ist der ganze Film «Unerhört!» zu sehen

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt. 
Artikel teilen

Loading

Comment

Mehr zum Thema

image

«Extrem unüblich»: Zweifel an der Sorgfalt eines Proktologen

Massive Komplikationen und der Verdacht auf Überarztung: Die SRF-Sendung «Kassensturz» nahm einen inzwischen verstorbenen Zürcher Enddarm-Spezialisten ins Visier.

image

Psychotherapie: Mindcare eröffnet Standort in Zürich

Nach dem Start in Winterthur plant Mindcare die nächste Praxis. Sie bietet Psychotherapie – mit einem Konzept, bei dem die Therapeuten weitestgehend von Administration und Organisation entlastet werden.

image

Integrierte Versorgung im Alltag: Ein Hausarzt zieht Bilanz

Die Hausarztmedizin steht unter Druck. VIVA vom Swiss Medical Network soll Ärzte entlasten und die Versorgungsqualität durch integrierte Zusammenarbeit steigern. Dr. Azarnoush berichtet, wie sich das Modell in der Praxis bewährt.

image

Arztstellen bleiben zwei Monate unbesetzt

Mit einem neuen Tool zeigt das Obsan, wie sich die Ärzteschaft im Land entwickelt: mehr Patientenkontakt, mehr offene Stellen – und über 30 Prozent der Grundversorgerpraxen mit Patienten-Stopp.

image

Weniger Regionalpolitik, mehr Tech: Wie das Spital neu gedacht werden soll

H+ will das Ende von Spitaltraditionen. Mit einer PwC-Studie skizziert der Verband ein Krankenhaussystem, das sich von regionaler Politik und bisheriger Planung verabschiedet – und zehntausende Stellen einspart.

image

Spitäler halbieren Verlust – aber zwei Drittel bleiben im Minus

2024 reduzierten die Schweizer Spitäler ihren Verlust – nach 777 Millionen Franken im Vorjahr waren es nun 347 Millionen. Aber immer noch schreiben fast zwei Drittel der öffentlichen Kliniken rote Zahlen. Die Zahl der Ärzte stieg stärker als jene des Pflegepersonals.

Vom gleichen Autor

image

Arzthaftung: Bundesgericht weist Millionenklage einer Patientin ab

Bei einer Patientin traten nach einer Darmspiegelung unerwartet schwere Komplikationen auf. Das Bundesgericht stellt nun klar: Die Ärztin aus dem Kanton Aargau kann sich auf die «hypothetische Einwilligung» der Patientin berufen.

image

Studie zeigt geringen Einfluss von Wettbewerb auf chirurgische Ergebnisse

Neue Studie aus den USA wirft Fragen auf: Wettbewerb allein garantiert keine besseren Operationsergebnisse.

image

Warum im Medizinstudium viel Empathie verloren geht

Während der Ausbildung nimmt das Einfühlungsvermögen von angehenden Ärztinnen und Ärzten tendenziell ab: Das besagt eine neue Studie.