Kunstfehler oder Komplikation, das ist hier die Frage

Als die Schmerzen nach der Schulteroperation nicht nachlassen wollten, kam Bettina Spicher ein zweites Mal unters Messer. Und siehe da: Der Arzt findet den Knäuel eines 20 Zentimeter langen Fadens: ein Kunstfehler oder bloss eine Komplikation?

, 20. Juli 2020 um 04:00
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Bettina Spicher wollte Rettungssanitäterin werden. Im September 2018 wars: Während eines Transports musste die 32-Jährige dem Patienten eine Sauerstoffmaske anlegen, als der Fahrer voll aufs Bremspedal tritt: Schleudertrauma, verstauchte Wirbelsäule lautete die erste Diagnose. Später stellte der Orthopäde von Orthoplus Bern unter anderem eine Ruptur der Supraspinatussehne fest.

Bewegungsfreiheit bleibt eingeschränkt

Mitte März 2019 wird Bettina Spicher in der Hirslanden-Klinik Permanence operiert. Danach trägt sie sechs Wochen eine Schiene. Doch der Schmerz geht auch nach diesen sechs Wochen nicht weg, und die Bewegungsfreiheit bleibt eingeschränkt. Der Orthopäde wiegelt ab und vertröstet. Nach einem halben Jahr verliert die angehende Rettungssanitäterin ihre Geduld und konsultiert auf Empfehlung Ulf Riede, stellvertretender Chefarzt im Bürgerspital Solothurn.
Eine erste Diagnose lautet auf sekundäre Schultersteife. Doch die Physiobehandlung machte alles nur noch schlimmer. Mitte Januar, also zehn Monate nach der ersten Operation, muss die in Ueberstorf aufgewachsene und jetzt im Fricktal wohnhafte Frau wieder unters Messer. Ulf Riede soll grosse Augen gemacht und gesagt haben: «Das habe ich nicht erwartet.» Gesehen hat er einen weissen Knäuel, der sich als einen 20 Zentimeter langen Faden entpuppte.

20 Monate arbeitsunfähig

Ganze 20 Monate ist Bettina Spicher arbeitsunfähig; erst seit Mai ist sie wieder zu 40 Prozent arbeitsfähig. «Doch die Nerven tun nicht so, wie sie sollten», erklärt Bettina Spicher, die nun bei einem Hausarzt als MPA arbeitet. «Mich ärgert, dass der erste Arzt das Problem kleinredete und mich nicht ernst genommen hat», sagt sie. 
Was tun? Hat Bettina Spicher Anspruch auf Schmerzensgeld? «Ich sehe keinen Haftungsfall», sagt Ulf Riede, der die zweite Operation durchgeführt und neben einer Capsulotomie und Biopsieentnahme den Faden entfernt hat. 
«Nach meiner Beurteilung wurde technisch nichts falsch gemacht und auch nicht falsch entschieden», meint Riede. Vor jeder Operation würden Patientinnen und Patienten ein Papier unterschreiben, womit der Patient über Komplikationen aufgeklärt wird.

Das kann passieren

Laut Ulf Riede gibt es folgende Versagensmechanismen, wie er auf Anfrage schreibt: «Erstens der Knoten öffnet sich – weil schlecht geknotet.Zweitens der Anker reißt aus dem Knochen heraus – zu schlechte Knochenqualität.Drittens der Anker reißt durch die Sehne – mangelhafte Qualität der Sehne.Viertens der Faden reißt – das ist aber äußerst selten und eigentlich fast nicht vorstellbar.»
War es nun dieser Knäuel, der Bettina Spicher die anhaltenden Schmerzen verursachte? «Es ist unmöglich zu sagen, ob dieser Faden das einzige Problem war», erklärt Riede. Möglicherweise habe der Faden zu einer Reizung geführt, vergleichbar mit einem Stein im Schuh. Möglich wäre auch ein Infekt.
Klar ist für Ulf Riede, dass der Faden entfernt werden musste, nachdem er ihn während der OP gesehen hat. Daher sein Tipp bei ähnlichen Fällen: Bei Komplikationen nach Operationen nicht zu lange warten und abklären lassen, wo das Problem liegen könnte. Allenfalls bei einem anderen als dem operierenden Arzt.
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