Die Krux mit den schwierigen Patienten

Schwierige Patienten erhöhen das Risiko für Fehldiagnosen, und zwar unabhängig von der Komplexität des Falls. Mit ihrem Verhalten lenken sie die Ärzte zu stark von der eigentlichen Aufgabe ab. Dies haben Wissenschaftler nun erforscht.

, 15. März 2016 um 09:00
image
  • praxis
  • ärzte
Patienten, die zu viel fragen und fordern, undankbar sind oder gar aggressiv: Jeder Arzt und jede Ärztin muss sich zuweilen mit solchen Patienten herumschlagen. Sie werden landläufig als «schwierig» bezeichnet und sind nicht nur unsympathisch, sie hemmen auch den Betrieb und frustrieren das ganze Team. 
Es liegt auf der Hand, dass die Anstrengungen, die unternommen werden müssen, mit diesen Menschen umzugehen, Sprechstunde und Diagnose beeinträchtigen. Wissenschaftler der Erasmus Universität Rotterdam und des Erasmus Medical Center haben nun diese Annahme in zwei Untersuchungen bestätigt. 
Sie wurden im Fachjournal BMJ Quality & Safety veröffentlicht und führen zu diesen Kernaussagen:

  • Das Risiko für Falschdiagnosen ist bei Patienten, die von den Ärzten als schwierig taxiert werden, höher - und zwar unabhängig von der Komplexität des Falls oder der Zeit, die der Arzt für sie aufwendet. 
  • Der Grund: Die mentale Anstrengung, die der Arzt unternehmen muss, um sich um das problematische Verhalten zu kümmern, lenkt ihn zu sehr von der eigentlichen medizinischen Aufgabe ab. 

Studien:


In der ersten Studie legten die Wissenschaftler 63 Ärzten eine von zwei Versionen von sechs klinischen Fällen vor, einfachen und komplexen. In der einen Version waren Patienten mit schwierigem Verhalten beschrieben; sie waren fordernd, aggressiv, ignorant, herablassend, misstrauisch und hilflos. In der zweiten Version kamen die gleichen Patienten vor, diesmal aber ohne die störenden Verhaltensweisen.
Die Ärzte wurden aufgefordert, die wahrscheinlichste Diagnose so schnell als möglich aufzuschreiben und dann den gleichen Fall abermals mit mehr Zeit zu beurteilen. Schliesslich mussten sie die Sympathiewerte des Patienten in einer Skala eintragen.

Risiko für Fehldiagnose 42 Prozent höher

Fazit: Das Risiko, dass die Ärzte eine falsche Diagnose stellten, lag bei schwierigen Patienten um 42 Prozent höher als bei neutralen Patienten. Diese Quote gilt für die komplexen Fälle. In den einfachen Fällen lag sie um sechs Prozent höher.  
Die Resultate sind unabhängig von der Zeit, in der die Diagnose gestellt wurde. 
Die durchschnittlichen Sympathiewerte waren bei den schwierigen Patienten markant tiefer als bei denen, die neutral beschrieben wurden.

Erinnerungsvermögen beeinträchtigt

In der zweiten Studie wurden 74 Assistenzärzte aufgefordert, acht klinische Fälle zu beurteilen. Die Hälfte davon betrafen schwierige Patienten, die anderen neutrale. Nach der Diagnose mussten sich die Ärzte an die klinischen Befunde und das Verhalten jedes Patienten erinnern. 
Die Genauigkeit der Diagnose lag 20 Prozent tiefer bei den schwierigen Patienten, obschon der Zeitbedarf in beiden Fällen gleich war. Die Ärzte konnten sich bei den schwierigen Patienten auch weniger an die Befunde und stärker an die Verhaltensweisen erinnern als bei den neutralen Patienten.
Die Forscher schliessen daraus, dass die mentale Energie, die die Ärzte brauchen, um mit dem störenden Verhalten umzugehen, ihre Diagnosefähigkeit beeinträchtigt. 
Obschon die Ärzte eigentlich über schwierigen Patienten stehen sollten, sei es eine Tatsache, dass «schwierige Patienten Reaktionen provozieren, die die Vernunft beeinträchtigen, die Befunde beeinflussen und Irrtümer verursachen», schreiben die Forscher.

Mehr Zeit für Reflexion

Die Ärzte Donald Redelmeier und Edward Etchells vom Centre for Quality Improvement and Patient Safety der Universität Toronto betonen in einem Kommentar, die Ergebnisse bestätigen frühere Studien, wonach unfreundliche Patienten ungünstigere Prognosen haben. Sie schlagen vor, dass Ärzte mehr Zeit für Konsultationen, Reflexion und Teamwork verwenden. Auch Checklisten oder computerbasierte Diagnoseverfahren sollten beigezogen werden, um die Diagnosegenauigkeit bei schwierigen Patienten zu erhöhen. 
Artikel teilen

Loading

Comment

Mehr zum Thema

image

Psychotherapie: Mindcare eröffnet Standort in Zürich

Nach dem Start in Winterthur plant Mindcare die nächste Praxis. Sie bietet Psychotherapie – mit einem Konzept, bei dem die Therapeuten weitestgehend von Administration und Organisation entlastet werden.

image

Integrierte Versorgung im Alltag: Ein Hausarzt zieht Bilanz

Die Hausarztmedizin steht unter Druck. VIVA vom Swiss Medical Network soll Ärzte entlasten und die Versorgungsqualität durch integrierte Zusammenarbeit steigern. Dr. Azarnoush berichtet, wie sich das Modell in der Praxis bewährt.

image

Arztstellen bleiben zwei Monate unbesetzt

Mit einem neuen Tool zeigt das Obsan, wie sich die Ärzteschaft im Land entwickelt: mehr Patientenkontakt, mehr offene Stellen – und über 30 Prozent der Grundversorgerpraxen mit Patienten-Stopp.

image

Spitäler halbieren Verlust – aber zwei Drittel bleiben im Minus

2024 reduzierten die Schweizer Spitäler ihren Verlust – nach 777 Millionen Franken im Vorjahr waren es nun 347 Millionen. Aber immer noch schreiben fast zwei Drittel der öffentlichen Kliniken rote Zahlen. Die Zahl der Ärzte stieg stärker als jene des Pflegepersonals.

image

Ein Oensinger Gesundheitszentrum betreibt den ersten «Medicomat» in der Schweiz

Das Gerät im Vitasphère-Gesundheitszentrum funktioniert wie ein Getränkeautomat. Doch statt Flaschen gibt der Automat rund um die Uhr Medikamente heraus.

image

«Schauen Sie genau, wen Sie heiraten – das meine ich ernst.»

Seilschaften, starre Regeln und intransparente Gehälter bremsen Frauen auf dem Weg zur Chefarztposition. Rückhalt daheim ist entscheidend – und Teilzeit ist problematisch: Das sagt Susanne Renaud, Chefärztin Neurologie am Spital Neuenburg.

Vom gleichen Autor

image

Pflege: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viele Überstunden

Eine Umfrage des Pflegeberufsverbands SBK legt Schwachpunkte im Pflegealltag offen, die auch Risiken für die Patientensicherheit bergen.

image

Spital Frutigen: Personeller Aderlass in der Gynäkologie

Gleich zwei leitende Gynäkologen verlassen nach kurzer Zeit das Spital.

image

Spitalfinanzierung erhält gute Noten

Der Bundesrat zieht eine positive Bilanz der neuen Spitalfinanzierung. «Ein paar Schwachstellen» hat er dennoch ausgemacht.