Eher Rat von Freunden als vom Telemediziner

Mütter und Väter in der Schweiz tauschen sich bei Fragen zur Kindergesundheit vor allem mit anderen Personen aus. Eher wenig nutzen Eltern digitale Quellen wie Soziale Medien und Apps.

, 27. August 2019 um 06:00
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Für Fragen der Kindergesundheit und -entwicklung sind soziale Kontakte von Eltern nach wie vor die häufigste Informationsquelle. Dazu gehören Familie, Freunde oder Bekannte und Kinderärzte. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Befragt wurden 750 deutschsprachige Elternpaare mit Kindern im Alter zwischen 0 und 24 Monaten.
Auch bei den «Digital Natives» stellt der persönliche Austausch die erste Wahl zur Informationsgewinnung dar. Rund 50 Prozent konsultieren Freunde und Bekannte und rund 60 Prozent fragen die Familie um Rat. Nur vereinzelt nutzen die Mütter und Väter in der Schweiz telefonische Beratung von Krankenversicherern, Notfalldiensten oder Spitälern. 
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ZHAW

Eltern nutzen kaum Apps!

Die Befragung zeigt auch: Über 90 Prozent der Eltern informieren sich über digitale Medien zur Gesundheit und Entwicklung ihres Kindes. Und zwar vor allem durch Suchmaschinen und spezifische Eltern-Webseiten – hauptsächlich zu allgemeinen Gesundheitsthemen und als erste Orientierung.
Digitale Quellen wie Soziale Medien und Apps werden von den Befragten, von denen mehr als drei Viertel einen höheren Bildungsabschluss haben, dagegen eher wenig genutzt. «In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Ergebnisse von anderen Ländern, in denen Apps und Soziale Medien eine viel grössere Rolle spielen», sagt Studienleiterin Julia Dratva vom ZHAW-Departement Gesundheit.
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ZHAW

Eltern verunsichert im Umgang mit «Dr. Google»

Im Falle einer akuten Erkrankung des Kindes werden digitale Informationskanäle dagegen deutlich weniger konsultiert. Das dürfte laut den Studienautoren auch mit dem mangelnden Vertrauen in die digitalen Medien zusammenhängen. So glauben 90 Prozent der befragten Eltern, dass die im Internet gefundenen Informationen «nur manchmal» der Wahrheit entsprechen. 
Zwei Drittel versuchen ausserdem, die Vertrauenswürdigkeit der Quelle zu prüfen. Lediglich etwa die Hälfte gab an, die Informationen aus dem Internet zu verstehen und einschätzen zu können. Die Unsicherheit im Umgang mit digitalen Medien beseitigen die Eltern, so die Forscher, in dem sie letztlich trotzdem eine Fachperson kontaktieren. Eltern wünschten sich laut der Umfrage zudem aufgrund ihrer Unsicherheit mehr Orientierungshilfe im Umgang mit digitalen Medien. 

«Würde das Gesundheitswesen entlasten»

 «Das Potential der digitalen Informationsgewinnung könnte noch besser ausgeschöpft werden», sagt ZHAW-Forscherin Dratva weiter. Dies setze jedoch eine verbesserte digitale Medien- und Gesundheitskompetenz sowie verständliche, qualitativ hochwertige und wissenschaftlich abgestützte digitale Informationen zu Kindergesundheit voraus. 
«Wenn den Eltern so eine aktivere Rolle in der Entscheidungsfindung ermöglicht wird, würde dies letztlich auch das Gesundheitswesen entlasten», ist die Präventivmedizinerin und Ärztin der ZHAW-Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften überzeugt.  

  • Medienmitteilung der ZHAW: «Eltern verunsichert im Umgang mit Dr. Google»

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