Behinderten-Organisation fordert gerechtere Zuteilung von Intensiv-Betten

Stark hilfsbedürftige Behinderte erhalten im Krisenfall keinen Platz auf der Intensivstation. Dagegen wehren sich Behindertenorganisationen.

, 11. November 2020 um 12:46
image
Sollte es in der Schweiz wegen der Corona-Pandemie irgendwann zu wenig Betten auf den Intensivstationen haben, werden die Auswahl-Kriterien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften zum Zug kommen.

Nach den alten nun die behinderten Menschen

Diese Kriterien wurden bereits einmal kritisiert: Es benachteilige alte Menschen, hiess es damals. Die Richtlinien wurden überarbeitet. Nun kritisieren Behinderten-Organisationen die neuen Auswahl-Kriterien: Sie würden behinderte Menschen benachteiligen.
Konkret stört sich Agile.ch, der Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisation, an der so genannten «Gebrechlichkeitsskala». Diese Skala stützt sich stark darauf, wie abhängig ein Mensch von der Hilfe und Pflege anderer ist. Für Agile.ch ein Fehler. Denn: «Viele Menschen mit Behinderungen sind auf Pflege angewiesen, was aber nichts über ihre Lebensqualität und Lebenserwartung aussagt.»

Rollator oder Rollstuhl sind Grund für Nichtaufnahme

Trotzdem würde die Skala im Notfall zum Zug kommen. Gibt es keine Betten mehr auf den Intensivstationen, werden Personen über 65 Jahre, die auf einen Rollator oder einen Rollstuhl angewiesen sind, nicht mehr aufgenommen.
Zwar verbieten die Richtlinien ausdrücklich, dass Menschen aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt werden. Doch wenn die Richtlinien darauf abstellen, wie abhängig eine Person von Hilfe ist, dann werden Menschen mit Behinderungen weit überdurchschnittlich häufig von der Behandlung ausgeschlossen. Zu diesem Schluss kommt auch ein Kurzgutachten von Inclusion Handicap, dem Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz.

«Willkürliche Regeln»

Damit würden Behinderte so stark diskriminiert, dass es sich mit dem Völker- und Verfassungsrecht nicht vereinbaren lasse. Geradezu willkürlich erscheint es den Behindertenorganisationen, dass die Auswahlkriterien variieren, je nachdem, ob die Betten nur knapp sind oder gar nicht mehr zur Verfügung stehen.
Solange nur Bettenknappheit herrscht, sollen Menschen mit «angeborenen» oder «posttraumatischen» Behinderungen noch aufgenommen werden. Sobald es aber gar keine Betten mehr gibt, sehen die Richtlinien von dieser Ausnahme zugunsten von Menschen mit Behinderungen ab.

«Behinderte haben keine schlechtere Prognose»

«Dies, obschon das auf diesem Weg ermittelte Kriterium der Fragilität weder auf eine schlechtere Prognose noch auf einen erhöhten Pflegebedarf während der Intensivpflegebehandlung schliessen lässt», verurteilen die Behinderten-Organisationen die Richtlinien. Sie fordern eine Überarbeitung der Kriterien.

Behinderten-Organisation fordert Rücksicht

Bei der Zuteilung von Betten auf den Intensivstationen fordert der Verband Agile, dass die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen berücksichtigt werden:
  • Grosse Betten für schwere Menschen
  • Engen Angehörigen und Hilfspersonen von Menschen mit Behinderungen muss der Zutritt zu Intensivstationen ermöglicht werden
  • Bei der Verlegung von gehörlosen Patienten sollte für die Verständigung vom ersten Tag an Gebärdendolmetscher zu Verfügung stehen
Artikel teilen

Loading

Comment

Mehr zum Thema

image

Jede Notfall-Konsultation kostet 460 Franken

Notfallstationen werden immer öfter besucht. Eine Obsan-Studie bietet nun Zahlen dazu. Zum Beispiel: 777'000 Personen begaben sich dreimal in einem Jahr auf den Spital-Notfall.

image

Pharmagelder 2024: Zuwendungen an Schweizer Ärzte steigen leicht

2024 erhielten Ärzte, Spitäler und Fachgesellschaften zusammen 262 Millionen Franken – 16 Millionen mehr als im Jahr davor.

image

Ob FaGe, Apotheker, Physio oder Chefärztin: Das verdient man im Gesundheitswesen

Wie steht es um Ihr Gehalt? Hier finden Sie die Standard-Monatslöhne der wichtigsten Berufe in der Gesundheitsbranche.

image

Spitäler Schaffhausen: Neuer Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin

Daniel Borer wechselt vom Kantonsspital Winterthur an den Rheinfall – und übernimmt dort zugleich auch die Leitung des OP-Bereichs.

image

Die 10-Prozent-Illusion der Schweizer Spitäler

Eine Betriebsrendite von zehn Prozent galt lange als Überlebens-Formel für Akutspitäler. Womöglich ist dieser Richtwert zu tief. Die Beratungsfirma PwC fordert mehr Effizienz – die Spitäler höhere Tarife.

image

Auf dem richtigen Weg

Der Markt für Krankenhaus-Informationssysteme (KIS) befindet sich in einer Phase tiefgreifender Transformation. Die aktuellen Trends und Herausforderungen der Branche sowie die Erwartungen der Kliniken beleuchtet Dirk Müller, Director Product Management CIS4U bei Dedalus HealthCare.

Vom gleichen Autor

image

«Das Inselspital ist noch lange nicht über den Berg»

Das Inselspital wartete mit guten Meldungen auf. Doch der Insel-Kritiker Heinz Locher gibt keine Entwarnung.

image

So entgehen Sie dem Hochstapler-Syndrom

Viele Ärztinnen und Ärzte überfordern sich – und glauben dann selber, dass sie über ihrem Können spielen. Das ist schlecht für die Psyche.

image

Im Schaufenster stehen vor allem unwirksame Medikamente

Bieler Ärzte schlagen eine neue Etikette für rezeptfreie Arzneimittel vor. Sie soll zeigen, wie verlässlich die Wirksamkeit nachgewiesen worden ist.